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BERNER ZEITUNG - 24.05.2000
Theater 400asa

«Wir können nun Miete zahlen»

Morgen eröffnet die Zürcher Theatergruppe 400asa das Berner Theaterfestival auawirleben 2000. Regisseur Samuel Schwarz und Autor Lukas Bärfuss machen mit einer neuen Theaterform von sich reden.

*Noëmi Gradwohl

Bern. Der Ort, wo alles begann. Hier sind sie zur Schule gegangen und hier haben sie zusammen gewohnt: der Autor Lukas Bärfuss, der Regisseur Samuel Schwarz. «Wir haben die gleichen Bücher gelesen und wir haben die gleichen Feindbilder», sagt Schwarz. Das ist wichtig, weil der Autor und der Regisseur immer Theater für den Ort machen. Wichtig drum, weil das jüngste Werk des Duos, «Vier Frauen. Ein Singspiel.», morgen abend in Bern Premiere hat, am Theaterfestival auawirleben 2000 im Schlachthaus.

Bern und die Lehrerinnen

Im Stück geht es um vier Lehrerinnen und einen Mazedonier, der neu in die Klasse kommt. Wie die Gesellschaft mit dem Fremden umgehe, will Lukas Bärfuss darin thematisieren. Der Berner Bezug sei, dass in der Aarestadt der Lehrerinnenstatus viel bedeute. Und dass die beiden von ihrer Schulzeit traumatisiert seien. Und was nun, wenn das Stück in Zürich gespielt wird? «Das wird dann mehr in der veränderten Gestik zum
Ausdruck kommen», erklärt Schwarz. Ihre Theatergruppe 400asa machte letztes Jahr mit einer neuen Auffassung von Theater auf sich aufmerksam. Schwarz und Bärfuss verfassten ein Bekenntnis, das - ähnlich wie das Dogma 95 des dänischen Filmregisseurs Lars von Trier für den Film - die Mittel des Theaters mit ein paar Grundsätzen beschränkt. Das Bekenntnis 99 entstand, als die beiden für die Produktion «Italienische Nacht» von Ödön von Horváth keine Unterstützungsgelder bekamen und sich für die Produktion kaum was leisten konnten. So heisst es im Bekenntnis etwa, dass Text gelesen, nie gespielt werde, und dies an einem Tisch,dass es ausser dem Chor als Charakter keine Figuren mehr gebe, die Technik immer sichtbar sein müsse oder als einziges Requisit nur das Textbuch erlaubt sei.

Regeln als Kontroll-Instanz

Bereits bei der «Italienischen Nacht» hielt sich 400asa nicht streng an das Bekenntnis: Es gab Requisiten, die Schauspielerinnen und Schauspieler lösten sich in einzelnen Szenen vom Tisch. «Es ist langweilig, sich an das Bekenntnis zu halten», meint Schwarz lapidar. Das Konzeptionelle liege ihm fern. Hier wird das Understatement deutlich, mit dem Schwarz gerne kokettiert. Er zeigt mit Lukas Bärfuss vorbildlich, dass sich auch die Freie Szene zu vermarkten weiss. Sehr wohl ist alles Konzept. Schwarz korrigiert denn auch: «Die Auseinandersetzung mit einem konkreten Regelwerk ist eine Bereicherung,sie dient als Diskussionsgrundlage für einen Denkprozess.» Bei der «Italienischen Nacht» sei zum Beispiel eine Fahne als Requisit unumgänglich gewesen. «Das Bekenntnis dient als Kontroll-Instrument, um zu prüfen, was im Theater wirklich gebraucht wird», präzisiert auch Bärfuss. Mit «Vier Frauen. Ein Singspiel.» hat Bärfuss eine weitere Forderung des Bekenntnisses 99 in die Tat umgesetzt: selbst Stücke zu schreiben. Morgen bei der Premiere warten sie mit einem modifiziertem Bekenntnis auf:Neu dürfen Versprecher korrigiert und Einzelproben gemacht werden. «Wir sind in der neuen Version ernsthafter geworden.» Seit dem Erfolg von «Italienische Nacht» hat sich für Bärfuss und Schwarz das Blatt gewendet: Die Gelder
fliessen, die Aufträge häufen sich. «Wir haben einen Trend gesetzt, meint Schwarz, diesmal unbescheiden, «und wir werden ihn weiterhin setzen.» Mehr Geld bedeutet unter anderem, endlich Löhne und Miete zahlen zu können.

Erfolg soll global sein

Als nächstes steht eine Premiere bei den Wiener Festwochen an, dann eine in Bochum, später in Basel. Lukas Bärfuss liest an den Solothurner Literaturtagen. Und der Erfolg, was bedeutet dieser? «Wir foutieren uns um die Schweizer Theater- szene, orientieren uns lieber global», meint Schwarz. Und in Anlehnung an das Vorbild Lars von Trier:«Lieber in Cannes den ersten Preis gewinnen, als in Solothurn oder Locarno ein Lokalmatador sein.»

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