Theater
400asa
«Wir können nun Miete zahlen»
Morgen eröffnet die Zürcher Theatergruppe 400asa das Berner
Theaterfestival auawirleben 2000. Regisseur Samuel Schwarz und Autor
Lukas Bärfuss machen mit einer neuen Theaterform von sich reden.
*Noëmi Gradwohl
Bern. Der Ort, wo alles begann. Hier sind sie zur Schule gegangen
und hier haben sie zusammen gewohnt: der Autor Lukas Bärfuss,
der Regisseur Samuel Schwarz. «Wir haben die gleichen Bücher
gelesen und wir haben die gleichen Feindbilder», sagt Schwarz.
Das ist wichtig, weil der Autor und der Regisseur immer Theater
für den Ort machen. Wichtig drum, weil das jüngste Werk
des Duos, «Vier Frauen. Ein Singspiel.», morgen abend
in Bern Premiere hat, am Theaterfestival auawirleben 2000 im Schlachthaus.
Bern und die Lehrerinnen
Im Stück geht es um vier Lehrerinnen und einen Mazedonier,
der neu in die Klasse kommt. Wie die Gesellschaft mit dem Fremden
umgehe, will Lukas Bärfuss darin thematisieren. Der Berner
Bezug sei, dass in der Aarestadt der Lehrerinnenstatus viel bedeute.
Und dass die beiden von ihrer Schulzeit traumatisiert seien. Und
was nun, wenn das Stück in Zürich gespielt wird? «Das
wird dann mehr in der veränderten Gestik zum
Ausdruck kommen», erklärt Schwarz. Ihre Theatergruppe
400asa machte letztes Jahr mit einer neuen Auffassung von Theater
auf sich aufmerksam. Schwarz und Bärfuss verfassten ein Bekenntnis,
das - ähnlich wie das Dogma 95 des dänischen Filmregisseurs
Lars von Trier für den Film - die Mittel des Theaters mit ein
paar Grundsätzen beschränkt. Das Bekenntnis 99 entstand,
als die beiden für die Produktion «Italienische Nacht»
von Ödön von Horváth keine Unterstützungsgelder
bekamen und sich für die Produktion kaum was leisten konnten.
So heisst es im Bekenntnis etwa, dass Text gelesen, nie gespielt
werde, und dies an einem Tisch,dass es ausser dem Chor als Charakter
keine Figuren mehr gebe, die Technik immer sichtbar sein müsse
oder als einziges Requisit nur das Textbuch erlaubt sei.
Regeln als Kontroll-Instanz
Bereits bei der «Italienischen Nacht» hielt sich 400asa
nicht streng an das Bekenntnis: Es gab Requisiten, die Schauspielerinnen
und Schauspieler lösten sich in einzelnen Szenen vom Tisch.
«Es ist langweilig, sich an das Bekenntnis zu halten»,
meint Schwarz lapidar. Das Konzeptionelle liege ihm fern. Hier wird
das Understatement deutlich, mit dem Schwarz gerne kokettiert. Er
zeigt mit Lukas Bärfuss vorbildlich, dass sich auch die Freie
Szene zu vermarkten weiss. Sehr wohl ist alles Konzept. Schwarz
korrigiert denn auch: «Die Auseinandersetzung mit einem konkreten
Regelwerk ist eine Bereicherung,sie dient als Diskussionsgrundlage
für einen Denkprozess.» Bei der «Italienischen
Nacht» sei zum Beispiel eine Fahne als Requisit unumgänglich
gewesen. «Das Bekenntnis dient als Kontroll-Instrument, um
zu prüfen, was im Theater wirklich gebraucht wird», präzisiert
auch Bärfuss. Mit «Vier Frauen. Ein Singspiel.»
hat Bärfuss eine weitere Forderung des Bekenntnisses 99 in
die Tat umgesetzt: selbst Stücke zu schreiben. Morgen bei der
Premiere warten sie mit einem modifiziertem Bekenntnis auf:Neu dürfen
Versprecher korrigiert und Einzelproben gemacht werden. «Wir
sind in der neuen Version ernsthafter geworden.» Seit dem
Erfolg von «Italienische Nacht» hat sich für Bärfuss
und Schwarz das Blatt gewendet: Die Gelder
fliessen, die Aufträge häufen sich. «Wir haben einen
Trend gesetzt, meint Schwarz, diesmal unbescheiden, «und wir
werden ihn weiterhin setzen.» Mehr Geld bedeutet unter anderem,
endlich Löhne und Miete zahlen zu können.
Erfolg soll global sein
Als nächstes steht eine Premiere bei den Wiener Festwochen
an, dann eine in Bochum, später in Basel. Lukas Bärfuss
liest an den Solothurner Literaturtagen. Und der Erfolg, was bedeutet
dieser? «Wir foutieren uns um die Schweizer Theater- szene,
orientieren uns lieber global», meint Schwarz. Und in Anlehnung
an das Vorbild Lars von Trier:«Lieber in Cannes den ersten
Preis gewinnen, als in Solothurn oder Locarno ein Lokalmatador sein.»
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