PRESSEARCHIV

400ASA - Interview
Interview mit Samuel Schwarz
Interviewerin: Rahel Fischer, Stud. der Theaterwissenschaft, Bern
(geführt am 1.5.02 per e-mail)

F: soll man antike stücke heute noch aufführen?
S: weil ich es ja mache, erübrigt sich die frage, ob man soll.

F: und weshalb ?
S: ein grosser handwerklicher vorteil ist, dass die stoffe zur freien verfügung stehen und nicht – wie "klassische", "deutsche" stoffe – sehr vorbelastet sind – jedenfalls für mich nicht – in politischer hinsicht. ein bekenntnis zu goethe ist immer auch ein bekenntnis zu einer gewissen bürgerlichen weltsicht; auch "das-in-die-pfanne-hauen" von goethe hat eine politische aussgge, die dem handwerklichen nicht dient, die absicht einer aufführung unter umständen gar nicht zudient. ähnlich bei kleist. inszeniert man kleist, dann verbeugt man sich von der "grossen, komplexen" sprache; nicht dass ich diese sprache nicht auch schätze, aber der ganze bildungsbürgerliche ballast, den man bei den abendländischen autoren der letzten 500 jahre mitschleppt, kann die rezeption für den zuschauer erschweren. bei antiken stoffen ist der theatrale kern so primitiv, so simpel, so ar(s)chaisch,dionysisch, dass es eine gemeinsame erfahrung auf der bühne im zuschauersaal viel einfacher herzustellen ist; jedenfalls sicher, wenn die beteiligten jünger sind und nicht theaterverbildet. auch bei antiken stoffen kann man immer wieder hören, von der "berühmten aufführung, die der grüber mal in den 70ern in der schaubühne gemacht hat", trotzdem fällt es einem leichter, frecher und unbedarfter auf den stoff zuzugreifen, und auch die zuschauer sind schneller bereit, sich neuen erzählformen dieser alten geschichten zu öffnen. (all das was ich jetzt über goethe, etc. gesagt habe, ist natürlich auch grad ein grund, solche stoffe zu inszenieren, mache ich übrigens auch (frühjahr 03, clavigo am schauspielhaus bochum), aber ich versuche ja hier über die vorzüge antiker stoffe zu erzählen.)
was mich auch reizt an den antiken stoffen, ist selbstverständlich ihre – trotz aller brutalität – heitere naivität, die sie haben (lese hierzu auch nietzsches aufsatz über die antike heiterkeit, geburt der tragödie). nicht zufälligerweise kehren viele der motive antiker dramen und modernen – oft amerikanischen – independent horrorfilm wieder auf (unsere medeää ist nebst der hommage an lars von trier auch eine hommage an george a. romero, den zombiefilmer.) und bei bakchen kam uns selber manchmal die böse blair-witch hexe in den sinn, nicht nur wegen den videoaufnahmen, auch wegen dem ähnlichen suggestiven einsatz der erzählerischen mittel. zu "sehen" ist fast nichts, alles findet nur im kopf des zuschauers/zuhörers statt. auch die wohl männliche angstvision einer neste bauenden horrorfrau im wald ähneln sich bei der blair-witch und bei euripides.(das kam uns übrigens bei der arbeit in den sinn, war nicht ursprungsidee wie bei medeää, wo die hommage an filmwerke von anfang an klar war).
in kürze: der pioniergeist der sophokles und euripides dramen hat trotz seiner formalen strenge, etwas unheimlich kindlich-naiv-enthusiastisches; so wie das die amerikanischen (und manchmal auch italienischen) independent-horrorfilme auch haben.

F: was hat dich persönlich an der inszenierung antiker stücke wie medeää und den bakchen gereizt? inwiefern spielt der geschichtliche hintergrund eine rolle - was macht den stoff zeitlos?
S: sowohl die figuren der bakchen als auch die der medea sind ausdruck männlicher angstphantasien; diese stücke sähen anders aus, wenn sie von einer frau geschrieben worden wären. bei "bakchen" finde ich das rätsel, das im text verstreckt ist, reizvoll. die geschichte funktioniert eigentlich nach unseren üblichen erzählregeln nicht, viele stränge werden angerissen, nicht wieder aufgenommen, es hat sogar grobe logikfehler. auch ist der umgang mit raum und zeit vollkommen chaotisch. trotzdem entwickelt der text eine grosse suggestivkraft schon beim lesen. und das kommt von der unheimlich paranoiden fixierung aller beteiligten männer auf diesen hügel, wo die frauen anscheinend tanzen, keiner weiss es genau. pentheus ist wie der zuschauer, diesen rätseln ausgeliefert, dionysos, der gott des theaters kann mit ihm (und dem zuschauer) machen, was er will. deswegen (nebst vielen anderern gründen) bei uns auch die absolute dunkelheit und die totale überlegenheit der schauspieler gegenüber dem publikum (dieses machtgefühl, das die mit nachtsichtgeräten ausgestatteten schauspieler hatten, war etwas, das sie erst mit der dritten, vierten aufführung wirklich auszukosten begannen, die hemmschwelle war gross). diese überlegenheit des "dionysischen" schauspielers gegenüber dem ausgelieferten zuschauer ist etwas sehr wichtiges für das theater; das kann zu pädagogischen theater führen, schlechtem, brecht, aber auch zu blutopfern in rituellen schlachtungen, der zuschauer kommt unters messer. dies ist bei den "bakchen" im text angelegt und funktioniert genauso wie damals, wenn man es richtig inszeniert (was wir versucht haben, selbstverständlich nur halb erfolgreich, aber wenigstens haben wir es versucht im gegensatz zu anderen schnarchnasen-regisseuren, bei deren bakchen-inszenierungen ich regelmässig eingeschlafen bin). bezüglich der männerphantasie "wilde weiber im wald". zerstückelungsängste, etc. denke ich sollten die "modernen" männer im theaterwissenschaftlichen institut selber entscheiden, inwiefern sie sich ängstigen vor einer bösartigen entfesselten weiblichen sexualität. wenn die filme, zeitungen, medien, unsere träume sind, unabhängig von ihrem "realitätsgehalt", dann sind die zerstückelungsängste immer noch da, und zwar massiv.

F: weiter würde mich interessieren wie weit ihr euch bei der aufführung in basel (- hab mich übrigens köstlich amüsiert...) an euer "manifest" (bekenntnis 99 - apendix 2000) gehalten habt (wurden die rollen vorher ausgelost? etc.)?
S: bekenntnis 99 – regeln stehen für uns im moemtn grad nicht mehr im vordergrund. wir haben aber die lust an den im bekenntnis formulierten grundsätzen nicht verloren. dies bezieht sich vor allem auf die genaue bennung der produktionellen mitteln, die man benutzt, resp. eben auslässt, wie bei bakchen das licht. bei medeää ist der videobeam die einzzige lichtquelle, der beam wird herumgetragen, das licht kann dynamischer sein, als bei stadttheateraufführungen, wo jeder lichteinsatz auf stichwort kommt, der inspizient drückt aufs knöpchen und der lichtmensch fährt die stimmung. nichts gegen das system von inspizienz, lichtmensch, nichts gegen das stadttheater-system. aber wenn man mit beschränkten finanziellen mitteln arbeiten muss, dann muss man sich auch gedanken über den sinn und zweck der eingesetzten mittel machen und es macht keinen sinn, wenn man mit weniger geld versucht, gleich zu funktionieren wie ein stadttheaterbetrieb (das macht nur sinn, wenn man unbedingt ans stadttheater will und mit dem kopieren der stadttheaterästhetik irgendjemandem eindruck schinden will, bei uns ist das nicht mehr der fall. wir können dort arbeiten wo wir wollen). wir wollen auch mit wenig geld freie produktionen machen, nur muss – wenn man sich ausserhalb eines etablierten betriebes bewegt - auch tatsächlich neuland zu betreten versucht werden. die diskussion über die wahl der mittel, einseseits ausgelöst durch geldmangel, andererseits durch das bsetreben, "besser" zu werden, vielschichtiger erzählen zu wollen, war hauptmotivation des bekenntnis99. wir reiten unsere paragraphen nun nicht zu tode. was im bekenntnis formuliert wurde, war ausdruck einer ganz bestimmten (auch ökonomischen) situation. darin war auch ein grossteil ironie- aber die grundidee – jedes mittel bewusst einzusetzen, eine diskussion darüber zu führen, was genau ist die funktion des lichtes, was die funktion des bühnenarbeiters – bleibt aber weiterhin unsere leitidee. soweit wie wir jetzt bei den bakchen gegangen sind, soweit sind wir noch nie gegangen und das macht mich schon stolz.
was die schauspieler angeht: die freie szene ist ja wirklich freie wildbahn und hat nichts mehr von dem charme einer alternative im kulturbetrieb, wie man sich das mal eingebildet hat. die freie szene ist den selben regeln wie das showbiz unterworfen, oder wie der "new economy": jugendkult, hype, coolness, grenzenlose flexibiltät und mobilität. das heisst, dass wir die im bekenntnis99 naiv formulierten regeln (damals waren wohl auch wir ideengeber für den flexibilitätwahn der new economy) gar nicht mehr durchziehen müssen, sie verwirklichen sich von selbst. unsere schauspieler können sich gar nicht mehr für so lange zeit für uns verpflichten, dass wir überhaupt auf die idee kommen könnten, uns aus langweile das bekenntnis-würfeln aufzuerlegen. es ruft das nächste kleine jöbchen. unsere bekenntnis99 regeln verwirklichen sich von selbst: in bern können drei der schauspieler der urbesetzung nicht mehr mittun, wir müssen ersatz einarbeiten, die rollen werden also neu ausgewürfelt. so bleiben wir dem bekennnis99 treu, aber nicht ganz freiwillig.

F: wie habt ihr es mit der texttreue gehalten? und woher stammen die einschübe (schlampen und kommunismus)?
S: wir waren ziemlich texttreu, haben stark gekürzt, bei der schlusszene sind wir kurz in den originaleuripides gehüpft. das waren einerseits auszüge aus jan kotts aufsatz "gott-essen", dann war das ein ausschnitt aus klaus theveleits männerphantasien, seite : 76/77

F: ist die überforderung des publikums gewollt ?
S: ja, sicher. wer sich nicht überfordern will, der schaue "a beautiful mind" oder einen sat1-tv-movie oder lüthi und blanc, oder der lese hermann hesse. unsere vorbilder reichen von brecht, eisenstein, über orson welles, zu godard, kubrick, michael haneke, heiner müller, jelinek. an all den werken dieser leute ist das nebeneinander von grosser qualität, humor, missglücktem, geglücktem, schrott, perlen eigen, die neugier auf die eigenen wirkungen, das erforschen von erzählstrukturen, die unabhängigkeit von regeln , mit bewusstsein von deren existenz.

F: für jemanden der das stück nicht gelesen hat ist es sehr anstrengend der geschichte zu folgen, zuhören im dunkeln fordert grosse konzentration. geht ihr von einer vorbildung des publikums aus (kenntnis des stücks/ des films bei medeää)?
S: nein. wir hoffen, dass es für gebildete und ungebildete genau so anstrengend, beängstigend und lustig ist.

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