Über
400 ASA (Ausschnitte)
Die Leute von 400asa, das sind im Kern der Regisseur Samuel Schwarz
und der Autor Lukas Bärfuss, beide noch keine dreissig. (..)
Erstes Aufsehen erregt haben sie mit Horvaths "Italienischer
Nacht", die neueren Arbeiten stammen aus der Feder von Lukas
Bärfuss und heissen "Vier Frauen. Ein Singspiel."
und "Medeää. Bildbeschreibung". Hier ein kurzer
Versuch, die Gruppe über ihre Arbeit und nicht über
die abgelatschte Markt-Opposition innovativ vs schnöselig
vorzustellen. "Italienische Nacht": Wenn alle erst frontal
am Tisch sitzen, den Suhrkamp in Händen halten, das Personenverzeichnis
ab- und jede Regieanweisung vorgelesen wird, tritt die Programmatik
dieser Inszenierung noch unverhohlen zu Tage. Ganz im Zeichen des
Bekenntnis' 99 der Gruppe geht es hier um die Transparenz der Mittel.
Der Musiker stellt alles "live" her, man macht viel auf
Chor statt auf bürgerliches Subjekt. Nur spielt der DJ dann
noch Samples (allerdings sehr feine und schöne und leise),
plötzlich entstehen Gänge und Szenen, die Schauspieler
missachten den Text und feiern ihn gerade dadurch weg von
der Lesung hin zur Liebeserklärung. Horvath macht nicht bloss
Spass, Horvath trifft auch die Politiksehnsucht vieler Subkulturen.
Ob im Umfeld der Hamburger Indierock-Szene oder in der alternativen
Berner Reithalle: wie den Kommunisten bei Horvath der politische
Grund in Splitter namens Kultur/Kunst oder nur Besitzstandwahrung
zerbröckelt, wissen viele aus dem Ensemble nur allzugut. Diese
Leute haben (auch: politische) Erfahrungen, sind zwischen vierig
und zwanzig. Sagte da wer jung, innovativ, seinsvergessen?
"Vier Frauen. Ein Singspiel". Auf der Empore der für
einmal strengen Bühne aus Holz Chantal Wuhrmanns (der dritten
wichtigen Asa-Mitstreiterin) lümmeln Vermummte im Junglook
herum. Einer, der eigentlich eine ist, verteilt zu Beginn die Rollen.
Vier LehrerInnen, Jeans-Pulli-Turnschuhe, nehmen ihr Mandat an,
das keines ist; denn auch hier geht es um den Chor, nur ab und zu
dürfen sie einzeln ausbrechen, um ihre romantisierenden Fantasien
über das Fremde - hier: über einen mazedonischen Schüler
in ihre verkehrte Wahrheit kippen zu lassen (archaisch, gewalttätig,
sexuell verroht: allerdings auf Seiten der Lehrkräfte selber).
Am Schluss wird die Sozialdemokratie kultisch beschworen, auch dies
im Chor. Zwei Vatermorde auf einmal. Schule und Sozis. Sprunghaft,
aber: gut aussehend, weil Vermummte immer geil aussehen.
"Medeää. Bildbeschreibung.". Wer dänisch
spricht, versteht sich selbst nicht. Hier stimmt die Zote, die Aki
Kaurismäki mal über die Russen machte. Denn ein Teil der
Schauspieler versucht halbherzig, die Dialoge aus Lars von Triers
Medeafilm nachzusprechen, während ein Erzähler auf deutsch
jede Einstellung beschreibt, und auch mal selbst Rollen übernimmt.
Auf drei Leintücher werden einzelne Bilder projiziert, ein
grimmiger Tätowierter hängt den Tonarm wie im Film in
die Szene, überhaupt die ganze Technik werkelt betriebssam
auf der Bühne. Und bald merken wir : dieses Theater, das wie
ein making-Off eines Filmes daherkommt, ist im Grunde eine Zombieshow.
Im Käfig hinten ist die Medea gefangen, ihr Verlangen nach
Blut hört nicht auf, die Technik rebelliert. So klar und durchsichtig
alles scheinen mag, niemand darf sicher sein vor dem Mythos. Er
lauert überall, er ist gefährlich, man sieht ihn nicht.
Die selbstgewissen Trennungen der Meta- und Multimediakunst "wir
machen ein Theater über einen Film mit allen Mitteln"
kollabieren vollständig, werden als uninteressant entlarvt
und drohen im aufgerissenen Maul der Griechen im Mythos eben
zu verschwinden. Jetzt ist das dummerweise manchal lustig,
manchmal auch primitiv. Und das war Kunst noch nie, oder ? Geschweige
denn das Leben, wenn man bis zu 300 mal pro Jahr im Theater hockt."
Theater der Zeit, Oktober 2000 |
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