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400ASA - THEATER DER ZEIT - Oktober 2000
Über 400 ASA (Ausschnitte)

Die Leute von 400asa, das sind im Kern der Regisseur Samuel Schwarz und der Autor Lukas Bärfuss, beide noch keine dreissig. (..) Erstes Aufsehen erregt haben sie mit Horvaths "Italienischer Nacht", die neueren Arbeiten stammen aus der Feder von Lukas Bärfuss und heissen "Vier Frauen. Ein Singspiel." und "Medeää. Bildbeschreibung". Hier ein kurzer Versuch, die Gruppe über ihre Arbeit – und nicht über die abgelatschte Markt-Opposition innovativ vs schnöselig – vorzustellen. "Italienische Nacht": Wenn alle erst frontal am Tisch sitzen, den Suhrkamp in Händen halten, das Personenverzeichnis ab- und jede Regieanweisung vorgelesen wird, tritt die Programmatik dieser Inszenierung noch unverhohlen zu Tage. Ganz im Zeichen des Bekenntnis' 99 der Gruppe geht es hier um die Transparenz der Mittel. Der Musiker stellt alles "live" her, man macht viel auf Chor statt auf bürgerliches Subjekt. Nur spielt der DJ dann noch Samples (allerdings sehr feine und schöne und leise), plötzlich entstehen Gänge und Szenen, die Schauspieler missachten den Text und feiern ihn gerade dadurch – weg von der Lesung hin zur Liebeserklärung. Horvath macht nicht bloss Spass, Horvath trifft auch die Politiksehnsucht vieler Subkulturen. Ob im Umfeld der Hamburger Indierock-Szene oder in der alternativen Berner Reithalle: wie den Kommunisten bei Horvath der politische Grund in Splitter namens Kultur/Kunst oder nur Besitzstandwahrung zerbröckelt, wissen viele aus dem Ensemble nur allzugut. Diese Leute haben (auch: politische) Erfahrungen, sind zwischen vierig und zwanzig. Sagte da wer jung, innovativ, seinsvergessen?

"Vier Frauen. Ein Singspiel". Auf der Empore der für einmal strengen Bühne aus Holz Chantal Wuhrmanns (der dritten wichtigen Asa-Mitstreiterin) lümmeln Vermummte im Junglook herum. Einer, der eigentlich eine ist, verteilt zu Beginn die Rollen. Vier LehrerInnen, Jeans-Pulli-Turnschuhe, nehmen ihr Mandat an, das keines ist; denn auch hier geht es um den Chor, nur ab und zu dürfen sie einzeln ausbrechen, um ihre romantisierenden Fantasien über das Fremde - hier: über einen mazedonischen Schüler in ihre verkehrte Wahrheit kippen zu lassen (archaisch, gewalttätig, sexuell verroht: allerdings auf Seiten der Lehrkräfte selber). Am Schluss wird die Sozialdemokratie kultisch beschworen, auch dies im Chor. Zwei Vatermorde auf einmal. Schule und Sozis. Sprunghaft, aber: gut aussehend, weil Vermummte immer geil aussehen.

"Medeää. Bildbeschreibung.". Wer dänisch spricht, versteht sich selbst nicht. Hier stimmt die Zote, die Aki Kaurismäki mal über die Russen machte. Denn ein Teil der Schauspieler versucht halbherzig, die Dialoge aus Lars von Triers Medeafilm nachzusprechen, während ein Erzähler auf deutsch jede Einstellung beschreibt, und auch mal selbst Rollen übernimmt. Auf drei Leintücher werden einzelne Bilder projiziert, ein grimmiger Tätowierter hängt den Tonarm wie im Film in die Szene, überhaupt die ganze Technik werkelt betriebssam auf der Bühne. Und bald merken wir : dieses Theater, das wie ein making-Off eines Filmes daherkommt, ist im Grunde eine Zombieshow. Im Käfig hinten ist die Medea gefangen, ihr Verlangen nach Blut hört nicht auf, die Technik rebelliert. So klar und durchsichtig alles scheinen mag, niemand darf sicher sein vor dem Mythos. Er lauert überall, er ist gefährlich, man sieht ihn nicht. Die selbstgewissen Trennungen der Meta- und Multimediakunst –"wir machen ein Theater über einen Film mit allen Mitteln" – kollabieren vollständig, werden als uninteressant entlarvt und drohen im aufgerissenen Maul der Griechen – im Mythos eben – zu verschwinden. Jetzt ist das dummerweise manchal lustig, manchmal auch primitiv. Und das war Kunst noch nie, oder ? Geschweige denn das Leben, wenn man bis zu 300 mal pro Jahr im Theater hockt."

Theater der Zeit, Oktober 2000

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