Kein
Koks, wir joggen lieber
Die Schweizer Theatergruppe der Stunde heisst 400Asa. Regisseur
Samuel Schwarz und Autor/Dramaturg Lukas Bärfuss über
Erfolg, politische Inhalte, ästhetische Techniken und Niklaus
Meienberg.
Vor zwei Jahren war 400Asa eine kleine, unbekannte Theatergruppe
ohne Geld. Unterdessen seid ihr so weit, dass nicht nur gleich zwei
Stücke von euch am Zürcher Theaterspektakel zu sehen sein
werden, sondern auch an staatlichen Häusern wie am Theater
Bochum oder Theater Basel inszeniert. Ihr arbeitet viel, schnell
und vor allem erfolgreich. Lässt ihr euch, wie das vielen
jungen TheatermacherInnen in letzter Zeit passiert ist, verheizen?
Samuel Schwarz: Ihr wollt also wissen, ob uns das, was ihr für
erfolgreich hält, in den Kopf gestiegen ist, ob uns dieser
angebliche Erfolg verändert hat, ob wir von der freien Szene
in staatliche Häuser die politische Seite gewechselt haben.
Das alles interessiert uns nicht. Es ist langweilig und hat vor
allem nichts mit Theatermachen zu tun. Wir haben auch nicht angefangen
zu koksen.
Lukas Bärfuss: Wir joggen lieber. Ich weiss nichts über
Fragen wie 'Off-Theater oder staatliche Bühnen?', lese keine
Feuilletons und Kritiken, sehe meinen Namen ungern in der Zeitung.
Wenn es trotzdem sein muss, wenigstens ohne Schuhe: 'Barfuss' schrieb
die FAZ. Umgekehrt halte ich aber auch nichts vom Pfadfindergetue
der Kleinkunst, von diesem Independent-Dünkel. Ich mag diese
Selbstzerfleischung nicht. Der unglaubliche Hass der Literaturszene
gegen Zoe Jenny etwa ist typisch schweizerisch und mir deshalb fremd.
Jenny schreibt halt erfolgreiche Unterhaltungsromane, das geht doch
in Ordnung. Ich mag das Populäre, weil es Öffentlichkeit
und damit Relevanz besitzt. Wenn heute Roland Emmerich aus Hollywood
anruft, machen wir morgen eine Produktion mit ihm. Man muss einen
Stolz entwickeln für die Situation, in der man steckt. Ich
habe kein Geld und ich bin gut. Jetzt kriege ich ein bisschen Geld
und bin immer noch gut.
Schwarz: Man verheizt sich nur, wenn man sich auf das Spiel einlässt,
dass man Hoffnungsträger für junges, wildes Theater sein
soll. Beginnt man darüber nachzudenken, wie man der Projektion
derer gerecht werden kann, die selber nicht mehr wild sind und uns
Wildheit unterstellen, wird man zum Äffchen des Betriebs. Man
muss kühlen Kopf bewahren, den Kontakt zum Leben behalten und
weiter arbeiten. Ich halte es durchaus mit den amerikanischen Romanciers,
die jedes Jahr ein Buch rausgeben und weniger mit SchriftstellerInnen,
die alle zehn Jahr etwas Gramgebeugtes veröffentlichen und
sich trotzdem verheizen lassen.
Die Gründungsgeste von 400Asa bestand aber schon darin, lauthals
zu verkünden: wir haben kein Geld, wir grenzen uns ab, wir
machen alles anders. Ihr habt das ähnlich den dänischen
Dogma-Filmern in «Bekenntnisse 99» und im «Appendix
00» formuliert: auf einem A4-Blatt ist festgehalten, an welchen
Kriterien Eure Arbeit zu überprüfen ist. Einerseits wird
eine Art Überbau konstruiert, andererseits im Sinne Bertolt
Brechts der Blick der ZuschauerInnen pädagogisch gelenkt. Welche
Rolle spielen die «Bekenntnisse»?
Bärfuss: Mit Blick auf das Publikum heisst das Distanz schaffen,
wie bei Brecht und Heiner Müller, so viel Distanz zwischen
Bühne und ZuschauerInnen wie möglich. Die Überprüfung
der Bekenntnisse muss mir im ZuschauerInnenraum klar machen, dass
das Geschehen auf der Bühne etwas anderes ist als ich selber.
Es geht um eine Stimme, um Kommunikation, darum, dass man die Spielregeln,
Fragen und Aufgaben kennt, mit denen wir uns gemeinsam mit dem Publikum
beschäftigen. Für uns heisst das für die Arbeit:
Die Mittel, die wir anwenden, wollen wir überprüfen. Text,
Regie, SchauspielerInnen, Licht, Ausstattung, die materiellen Voraussetzungen
usw. müssen sich an den Bekenntnissen messen und dort ihre
Tauglichkeit belegen, auch als Scheitern, auch als Nicht-Funktionieren.
Wir misstrauen erst mal unserem eigenen Verständnis der Mittel,
die wir einsetzen. Das geschieht beispielsweise, indem wir uns Aufgaben
stellen, die unmöglich, absurd, aberwitzig scheinen. So können
wir lernen.
Schwarz: Es ist interessant, sich auf klar umrissene Aufgaben zu
beschränken, sich etwas abzubinden und das dann auch für
sich und das Publikum deutlich zu formulieren. Während der
Arbeiten zu «Medeää» haben wir gesehen, dass
das gerade bei antiken Stoffen sehr wichtig sein kann. Dem Mythos
wird etwas in den Weg gestellt, wogegen er ankämpfen, wo er
durchdrücken muss. Wir brauchen uns dann gar nicht so sehr
mit dem Mythos zu beschäftigen und dadurch bekommt diese Frau,
Medea, die ihre beiden Kinder umbringt, wieder ihre Potenz.
Die «Bekenntnisse 99» wurden durch den «Appendix
00» ergänzt. Dieses Prinzip wird sich doch selbst erledigen,
weil es auf mittlere Sicht nur noch den Status quo beschreiben kann
und jegliche Differenz aufhebt.
Bärfuss: Das haben Bekenntnisse so an sich, dass sie sich durch
die Arbeit selbst erledigen. Niemand würde die Bekenntnisse
der Futuristen oder Dadaisten heute wieder proklamieren. Bekenntnisse
sind ja das Gegenteil von Dogmen oder Gesetzestexten. Sie haben
ihren Sinn, zuerst Öffentlichkeit und dann Gedankenaustausch
erst einmal möglich zu machen. Dann muss diskutiert und gestritten
werden, was als Revision in die Bekenntnisse zurück fliesst.
Was nicht funktioniert, wird verworfen, das Neue, für das Theater
Produktive, wird formuliert und in neuen Arbeiten der Bewährung
ausgesetzt.
Schwarz: In den letzten Jahren haben FilmerInnen wieder vermehrt
die ästhetischen und materiellen Bedingungen ihrer Arbeit thematisiert.
Das muss auch im Theater, das immer etwas der Zeit hinterher hinkt,
möglich sein. Allerdings anders, als das an deutschen Theatern
auch schon versucht wurde. Davon war auf der diskursiven Ebene vieles
sehr avanciert, aber in der praktischen Umsetzung blutleer. Deshalb
war es wichtig, eine Art Pragmatismus zu erarbeiten, um in und mit
Widersprüchen zu arbeiten.
Ihr habt ohnehin ein ziemlich offensives Faible für Antagonismen.
Das ist in den Produktionen zu sehen, aber auch am Anspruch, mit
der Technik oder der Ausstattung zusammen zu arbeiten und das, anders
als auf dem Theater üblich, auf der Bühne sichtbar zu
machen. Die populären Zeichen bei «Vier Frauen»
Stichwort: 'Vermummte sehen geil aus' sind so dominant,
dass der Text zuweilen überspült wird. Ist das der Preis
für die Abschaffung von Hierarchien?
Schwarz: Vielleicht, dieses künstlerische Risiko wollen wir
eingehen. Es wäre aber ein grosses Missverständnis zu
meinen, dass wir eine radikal- oder basisdemokratische Idee verfolgen.
Ich kann als Regisseur auf den Proben sehr autoritär sein.
Es geht einfach darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der
von möglichst allen Seiten kreativer Input ins Theater fliesst.
Wir lassen bewusst verschiedene Theatermittel aufeinander krachen
und es gibt den Punkt, wo man das stehen lassen muss absichtslos.
Bei «Italienische Nacht» ist mir das so ergangen: Ich
wollte im Vorfeld die Brecht- und die Horvath-Tradition zusammenbringen.
Während der Arbeit habe ich das völlig vergessen und es
ist mir erst wieder aufgegeangen, als mich Leute aus dem Publikum
darauf aufmerksam gemacht haben.
Bärfuss: Es ist mir nicht bewusst, dass wir mit den Bekenntnissen
die Abschaffung von Hierarchien gefordert haben sollen. Ich stelle
mir ja auch formale Aufgaben. Für das Singspiel «Vier
Frauen» wollte ich beispielsweise fünffüssige Jamben
mit männlichen Endungen. Dann hetzen wir den Text auf Chantal
Wuhrmanns Ausstattungs-Ideen, die sich dann halt als Bühnenbildnerin
mit fünffüssigen Jamben rumschlagen muss. Ihre Reaktion
verändert das Stück. Es geht eher um Kampf, denn gemeinsam
schreiben geht nicht.
Auf der rein theatertechnischen Ebene hat man oft den Eindruck,
ihr unterspielt absichtsvoll, um gegen Konventionen, gegen den Ausbildungsrucksack
der Schauspiel-Akademie zu rebellieren. Welche Väter wollt
ihr töten?
Schwarz: Es geht mir nicht um Vatermord. Ich habe zwar die Schauspielakademie
besucht, aber ich orientiere mich auch an anderen Regeln. Beispielsweise
geschliffenes Deutsch, in dem bürgerliche Neurosen runtergeleiert
werden, hat für mich nichts mit Kunst zu tun. Mich interessieren
Konfrontationen, Brüche wenn etwa Laien auf Profis treffen
und es zu holpern beginnt. Dadurch kann eine Energie frei werden,
die als theatraler Moment interessant ist.
Bärfuss: Was meine Vatermorde als Autor angeht, gestatte ich
mir eine gewisse Blödheit. Mein Privileg als Schriftsteller
ist, dass ich beim Schreiben hässlich, schön, wütend
sein kann etwa auf die Dinge, die ich hasse. Schule habe
ich immer gehasst, vielleicht ist das in «Vier Frauen»
eingeflossen. Mich beschäftigt anderes mehr: die Frage, wie
im Theater die Tradition weiter gegeben wird. An den Wiener Festwochen
sagte der Juryvorsitzende Ivan Nagel: zu meiner Zeit, da hat es
noch Regietalente gegeben wie Luc Bondy, Peter Stein oder Claus
Peymann. Aber who the fuck ist Claus Peymann? Ich weiss, wer Thomas
Bernhard ist. Theater tradiert sich über die Literatur. Wie
wird aber das spezifisch Theatrale weiter gegeben?
Schwarz: Das Wien-Erlebnis, die Beschäftigung mit dieser Frage
integrieren wir natürlich in unsere Arbeit. Insofern war Wien
eben schon eine Erfahrung: Wenn uns in einem höchst theatralen
Akt mitgeteilt wird, dass es dieses Jahr keinen Preis gibt, weil
die jungen Theaterschaffenden nur Realitätsferne zeigten und
die Jury gefällt sich dann gleichzeitig darin, sich mit Champagner
bei Schlingensief in Wirklichkeitserfahrung zu suhlen, dann ziehen
wir unsere Lehren daraus. Es war ja absurd, wir wurden von der Wirklichkeit
in «Medeää» geradezu überrollt: Die SchauspielerInnen
sitzen in Käfigen, die in jenen Tagen im Fernsehen als Käfige
der Geiseln auf den Philippinen zu sehen waren wir wurden
geradezu eingeholt von dieser globalisierten Wirklichkeit.
Schön, dass ihr die Wirklichkeit ansprecht. Wie wirklich ist
für Euch die Schweiz?
Bärfuss: Ich war gerade im Nationalpark: Es war unglaublich
schön doch es gibt Zernez. Oder die Talstation der Riederalp.
Es war monströs, psychotisch. Ich habe da begriffen, dass die
Menschen die riesigen Betonpfeiler nicht nur in die Landschaft,
sondern auch ins eigene Bewusstsein bauen. Die Landschaft ist versehrt,
voll mit Geistern, mit Geistern von Gestorbenem. 1991 machte ich
eine Reise durch die neuen Bundesländer und da war überall
noch die DDR zu riechen genau so ergeht es mir, wenn ich
aus dem Ausland wieder in die Schweiz komme: Dieser Gout des Absonderlichen,
Eingeschlossenen, Unwirklichen, des Sonderfalls. Darüber gibt
es kein Bewusstsein beziehungsweise dieses Bewusstsein ist so offensichtlich,
dass es überhaupt keinen reflexiven oder diskursiven Spielraum
dafür gibt. Man sagt, jawoll, wir sind ein Sonderfall und meint
damit dieses 'hier ist es doch schön, das ist doch normal,
es ist doch gut'. Die Schweiz leidet an Geschichtsblödheit.
Mir ist das wieder aufgegangen, als ich unlängst bei Niggli/Frischknecht
gelesen habe, was 1989 alles zusammen gekommen ist: Fall der Mauer,
Kopp-Affäre, Fichen-Skandal, Armeeabschaffungsinitiative, Geheimarmee
P26/27. Das waren für die gesellschaftliche Stimmung im letzten
Jahrzehnt absolut prägende Geschehnisse. Über die Relevanz
dieser Ereignisse gibt es überhaupt kein Bewusstsein, darüber
wird öffentlich nicht nachgedacht.
Im Frühling bringt ihr ein Stück über Niklaus Meienberg
auf die Bühne des Theater Basel. Hat die Sehnsucht nach öffentlicher
Auseinandersetzung, nach klaren Fronten mit eurem Interesse an Meienberg
zu tun?
Bärfuss: Ich habe keine Sehnsucht. An Meienberg interessiert
mich, inwieweit an der Figur Meienberg durch die angesprochenen
Ereignisse 1989 bis hin zum Golfkrieg etwas abgehandelt, vollzogen
und begraben wurde. Weil Meienberg starb, mussten ganz viele andere
nicht sterben, die Neuorientierung, das Nachdenken über die
neue Bemessung der Massstäbe nicht vornehmen. Das scheint mir
heute enorm wichtig, weil wir Überlebenden durch Meienbergs
Tod die Möglichkeit bekommen haben, auf Meienberg zu zeigen
und zu verkünden: Schaut her, so geht es nicht.
Schwarz: Man sieht es auch daran, dass mit Meienbergs Tod ein Wir
beerdigt wurde das Wir nämlich, das sagt, wir haben
uns gemeinsam mit Meienberg engagiert, für eine Sache gekämpft.
Das merke ich auch in der Auseinandersetzung mit Theaterleuten aus
Meienbergs Generation, dass es immer heisst, wenn ich mich einem
politischen Stoff annähern will, das hatten wir schon, das
haben wir auch mal versucht, es hat nichts gebracht. Das akzeptiere
ich nicht.
Interview: Tobi Müller und Stephan Ramming
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