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INTERVIEW - WoZ - 17.08.00
Kein Koks, wir joggen lieber

Die Schweizer Theatergruppe der Stunde heisst 400Asa. Regisseur Samuel Schwarz und Autor/Dramaturg Lukas Bärfuss über Erfolg, politische Inhalte, ästhetische Techniken und Niklaus Meienberg.


Vor zwei Jahren war 400Asa eine kleine, unbekannte Theatergruppe ohne Geld. Unterdessen seid ihr so weit, dass nicht nur gleich zwei Stücke von euch am Zürcher Theaterspektakel zu sehen sein werden, sondern auch an staatlichen Häusern wie am Theater Bochum oder Theater Basel inszeniert. Ihr arbeitet viel, schnell und vor allem – erfolgreich. Lässt ihr euch, wie das vielen jungen TheatermacherInnen in letzter Zeit passiert ist, verheizen?

Samuel Schwarz: Ihr wollt also wissen, ob uns das, was ihr für erfolgreich hält, in den Kopf gestiegen ist, ob uns dieser angebliche Erfolg verändert hat, ob wir von der freien Szene in staatliche Häuser die politische Seite gewechselt haben. Das alles interessiert uns nicht. Es ist langweilig und hat vor allem nichts mit Theatermachen zu tun. Wir haben auch nicht angefangen zu koksen.

Lukas Bärfuss: Wir joggen lieber. – Ich weiss nichts über Fragen wie 'Off-Theater oder staatliche Bühnen?', lese keine Feuilletons und Kritiken, sehe meinen Namen ungern in der Zeitung. Wenn es trotzdem sein muss, wenigstens ohne Schuhe: 'Barfuss' schrieb die FAZ. Umgekehrt halte ich aber auch nichts vom Pfadfindergetue der Kleinkunst, von diesem Independent-Dünkel. Ich mag diese Selbstzerfleischung nicht. Der unglaubliche Hass der Literaturszene gegen Zoe Jenny etwa ist typisch schweizerisch und mir deshalb fremd. Jenny schreibt halt erfolgreiche Unterhaltungsromane, das geht doch in Ordnung. Ich mag das Populäre, weil es Öffentlichkeit und damit Relevanz besitzt. Wenn heute Roland Emmerich aus Hollywood anruft, machen wir morgen eine Produktion mit ihm. Man muss einen Stolz entwickeln für die Situation, in der man steckt. Ich habe kein Geld und ich bin gut. Jetzt kriege ich ein bisschen Geld und bin immer noch gut.
Schwarz: Man verheizt sich nur, wenn man sich auf das Spiel einlässt, dass man Hoffnungsträger für junges, wildes Theater sein soll. Beginnt man darüber nachzudenken, wie man der Projektion derer gerecht werden kann, die selber nicht mehr wild sind und uns Wildheit unterstellen, wird man zum Äffchen des Betriebs. Man muss kühlen Kopf bewahren, den Kontakt zum Leben behalten und weiter arbeiten. Ich halte es durchaus mit den amerikanischen Romanciers, die jedes Jahr ein Buch rausgeben und weniger mit SchriftstellerInnen, die alle zehn Jahr etwas Gramgebeugtes veröffentlichen und sich trotzdem verheizen lassen.

Die Gründungsgeste von 400Asa bestand aber schon darin, lauthals zu verkünden: wir haben kein Geld, wir grenzen uns ab, wir machen alles anders. Ihr habt das – ähnlich den dänischen Dogma-Filmern – in «Bekenntnisse 99» und im «Appendix 00» formuliert: auf einem A4-Blatt ist festgehalten, an welchen Kriterien Eure Arbeit zu überprüfen ist. Einerseits wird eine Art Überbau konstruiert, andererseits im Sinne Bertolt Brechts der Blick der ZuschauerInnen pädagogisch gelenkt. Welche Rolle spielen die «Bekenntnisse»?

Bärfuss: Mit Blick auf das Publikum heisst das Distanz schaffen, wie bei Brecht und Heiner Müller, so viel Distanz zwischen Bühne und ZuschauerInnen wie möglich. Die Überprüfung der Bekenntnisse muss mir im ZuschauerInnenraum klar machen, dass das Geschehen auf der Bühne etwas anderes ist als ich selber. Es geht um eine Stimme, um Kommunikation, darum, dass man die Spielregeln, Fragen und Aufgaben kennt, mit denen wir uns gemeinsam mit dem Publikum beschäftigen. Für uns heisst das für die Arbeit: Die Mittel, die wir anwenden, wollen wir überprüfen. Text, Regie, SchauspielerInnen, Licht, Ausstattung, die materiellen Voraussetzungen usw. müssen sich an den Bekenntnissen messen und dort ihre Tauglichkeit belegen, auch als Scheitern, auch als Nicht-Funktionieren. Wir misstrauen erst mal unserem eigenen Verständnis der Mittel, die wir einsetzen. Das geschieht beispielsweise, indem wir uns Aufgaben stellen, die unmöglich, absurd, aberwitzig scheinen. So können wir lernen.

Schwarz: Es ist interessant, sich auf klar umrissene Aufgaben zu beschränken, sich etwas abzubinden und das dann auch für sich und das Publikum deutlich zu formulieren. Während der Arbeiten zu «Medeää» haben wir gesehen, dass das gerade bei antiken Stoffen sehr wichtig sein kann. Dem Mythos wird etwas in den Weg gestellt, wogegen er ankämpfen, wo er durchdrücken muss. Wir brauchen uns dann gar nicht so sehr mit dem Mythos zu beschäftigen und dadurch bekommt diese Frau, Medea, die ihre beiden Kinder umbringt, wieder ihre Potenz.

Die «Bekenntnisse 99» wurden durch den «Appendix 00» ergänzt. Dieses Prinzip wird sich doch selbst erledigen, weil es auf mittlere Sicht nur noch den Status quo beschreiben kann und jegliche Differenz aufhebt.

Bärfuss: Das haben Bekenntnisse so an sich, dass sie sich durch die Arbeit selbst erledigen. Niemand würde die Bekenntnisse der Futuristen oder Dadaisten heute wieder proklamieren. Bekenntnisse sind ja das Gegenteil von Dogmen oder Gesetzestexten. Sie haben ihren Sinn, zuerst Öffentlichkeit und dann Gedankenaustausch erst einmal möglich zu machen. Dann muss diskutiert und gestritten werden, was als Revision in die Bekenntnisse zurück fliesst. Was nicht funktioniert, wird verworfen, das Neue, für das Theater Produktive, wird formuliert und in neuen Arbeiten der Bewährung ausgesetzt.

Schwarz: In den letzten Jahren haben FilmerInnen wieder vermehrt die ästhetischen und materiellen Bedingungen ihrer Arbeit thematisiert. Das muss auch im Theater, das immer etwas der Zeit hinterher hinkt, möglich sein. Allerdings anders, als das an deutschen Theatern auch schon versucht wurde. Davon war auf der diskursiven Ebene vieles sehr avanciert, aber in der praktischen Umsetzung blutleer. Deshalb war es wichtig, eine Art Pragmatismus zu erarbeiten, um in und mit Widersprüchen zu arbeiten.

Ihr habt ohnehin ein ziemlich offensives Faible für Antagonismen. Das ist in den Produktionen zu sehen, aber auch am Anspruch, mit der Technik oder der Ausstattung zusammen zu arbeiten und das, anders als auf dem Theater üblich, auf der Bühne sichtbar zu machen. Die populären Zeichen bei «Vier Frauen» – Stichwort: 'Vermummte sehen geil aus' – sind so dominant, dass der Text zuweilen überspült wird. Ist das der Preis für die Abschaffung von Hierarchien?

Schwarz: Vielleicht, dieses künstlerische Risiko wollen wir eingehen. Es wäre aber ein grosses Missverständnis zu meinen, dass wir eine radikal- oder basisdemokratische Idee verfolgen. Ich kann als Regisseur auf den Proben sehr autoritär sein. Es geht einfach darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der von möglichst allen Seiten kreativer Input ins Theater fliesst. Wir lassen bewusst verschiedene Theatermittel aufeinander krachen und es gibt den Punkt, wo man das stehen lassen muss – absichtslos. Bei «Italienische Nacht» ist mir das so ergangen: Ich wollte im Vorfeld die Brecht- und die Horvath-Tradition zusammenbringen. Während der Arbeit habe ich das völlig vergessen und es ist mir erst wieder aufgegeangen, als mich Leute aus dem Publikum darauf aufmerksam gemacht haben.

Bärfuss: Es ist mir nicht bewusst, dass wir mit den Bekenntnissen die Abschaffung von Hierarchien gefordert haben sollen. Ich stelle mir ja auch formale Aufgaben. Für das Singspiel «Vier Frauen» wollte ich beispielsweise fünffüssige Jamben mit männlichen Endungen. Dann hetzen wir den Text auf Chantal Wuhrmanns Ausstattungs-Ideen, die sich dann halt als Bühnenbildnerin mit fünffüssigen Jamben rumschlagen muss. Ihre Reaktion verändert das Stück. Es geht eher um Kampf, denn gemeinsam schreiben geht nicht.

Auf der rein theatertechnischen Ebene hat man oft den Eindruck, ihr unterspielt absichtsvoll, um gegen Konventionen, gegen den Ausbildungsrucksack der Schauspiel-Akademie zu rebellieren. Welche Väter wollt ihr töten?

Schwarz: Es geht mir nicht um Vatermord. Ich habe zwar die Schauspielakademie besucht, aber ich orientiere mich auch an anderen Regeln. Beispielsweise geschliffenes Deutsch, in dem bürgerliche Neurosen runtergeleiert werden, hat für mich nichts mit Kunst zu tun. Mich interessieren Konfrontationen, Brüche – wenn etwa Laien auf Profis treffen und es zu holpern beginnt. Dadurch kann eine Energie frei werden, die als theatraler Moment interessant ist.

Bärfuss: Was meine Vatermorde als Autor angeht, gestatte ich mir eine gewisse Blödheit. Mein Privileg als Schriftsteller ist, dass ich beim Schreiben hässlich, schön, wütend sein kann – etwa auf die Dinge, die ich hasse. Schule habe ich immer gehasst, vielleicht ist das in «Vier Frauen» eingeflossen. Mich beschäftigt anderes mehr: die Frage, wie im Theater die Tradition weiter gegeben wird. An den Wiener Festwochen sagte der Juryvorsitzende Ivan Nagel: zu meiner Zeit, da hat es noch Regietalente gegeben wie Luc Bondy, Peter Stein oder Claus Peymann. Aber who the fuck ist Claus Peymann? Ich weiss, wer Thomas Bernhard ist. Theater tradiert sich über die Literatur. Wie wird aber das spezifisch Theatrale weiter gegeben?

Schwarz: Das Wien-Erlebnis, die Beschäftigung mit dieser Frage integrieren wir natürlich in unsere Arbeit. Insofern war Wien eben schon eine Erfahrung: Wenn uns in einem höchst theatralen Akt mitgeteilt wird, dass es dieses Jahr keinen Preis gibt, weil die jungen Theaterschaffenden nur Realitätsferne zeigten und die Jury gefällt sich dann gleichzeitig darin, sich mit Champagner bei Schlingensief in Wirklichkeitserfahrung zu suhlen, dann ziehen wir unsere Lehren daraus. Es war ja absurd, wir wurden von der Wirklichkeit in «Medeää» geradezu überrollt: Die SchauspielerInnen sitzen in Käfigen, die in jenen Tagen im Fernsehen als Käfige der Geiseln auf den Philippinen zu sehen waren – wir wurden geradezu eingeholt von dieser globalisierten Wirklichkeit.

Schön, dass ihr die Wirklichkeit ansprecht. Wie wirklich ist für Euch die Schweiz?

Bärfuss: Ich war gerade im Nationalpark: Es war unglaublich schön – doch es gibt Zernez. Oder die Talstation der Riederalp. Es war monströs, psychotisch. Ich habe da begriffen, dass die Menschen die riesigen Betonpfeiler nicht nur in die Landschaft, sondern auch ins eigene Bewusstsein bauen. Die Landschaft ist versehrt, voll mit Geistern, mit Geistern von Gestorbenem. 1991 machte ich eine Reise durch die neuen Bundesländer und da war überall noch die DDR zu riechen – genau so ergeht es mir, wenn ich aus dem Ausland wieder in die Schweiz komme: Dieser Gout des Absonderlichen, Eingeschlossenen, Unwirklichen, des Sonderfalls. Darüber gibt es kein Bewusstsein beziehungsweise dieses Bewusstsein ist so offensichtlich, dass es überhaupt keinen reflexiven oder diskursiven Spielraum dafür gibt. Man sagt, jawoll, wir sind ein Sonderfall und meint damit dieses 'hier ist es doch schön, das ist doch normal, es ist doch gut'. Die Schweiz leidet an Geschichtsblödheit. Mir ist das wieder aufgegangen, als ich unlängst bei Niggli/Frischknecht gelesen habe, was 1989 alles zusammen gekommen ist: Fall der Mauer, Kopp-Affäre, Fichen-Skandal, Armeeabschaffungsinitiative, Geheimarmee P26/27. Das waren für die gesellschaftliche Stimmung im letzten Jahrzehnt absolut prägende Geschehnisse. Über die Relevanz dieser Ereignisse gibt es überhaupt kein Bewusstsein, darüber wird öffentlich nicht nachgedacht.

Im Frühling bringt ihr ein Stück über Niklaus Meienberg auf die Bühne des Theater Basel. Hat die Sehnsucht nach öffentlicher Auseinandersetzung, nach klaren Fronten mit eurem Interesse an Meienberg zu tun?

Bärfuss: Ich habe keine Sehnsucht. An Meienberg interessiert mich, inwieweit an der Figur Meienberg durch die angesprochenen Ereignisse 1989 bis hin zum Golfkrieg etwas abgehandelt, vollzogen und begraben wurde. Weil Meienberg starb, mussten ganz viele andere nicht sterben, die Neuorientierung, das Nachdenken über die neue Bemessung der Massstäbe nicht vornehmen. Das scheint mir heute enorm wichtig, weil wir Überlebenden durch Meienbergs Tod die Möglichkeit bekommen haben, auf Meienberg zu zeigen und zu verkünden: Schaut her, so geht es nicht.

Schwarz: Man sieht es auch daran, dass mit Meienbergs Tod ein Wir beerdigt wurde – das Wir nämlich, das sagt, wir haben uns gemeinsam mit Meienberg engagiert, für eine Sache gekämpft. Das merke ich auch in der Auseinandersetzung mit Theaterleuten aus Meienbergs Generation, dass es immer heisst, wenn ich mich einem politischen Stoff annähern will, das hatten wir schon, das haben wir auch mal versucht, es hat nichts gebracht. Das akzeptiere ich nicht.

Interview: Tobi Müller und Stephan Ramming

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