Der
Faschist packts bei der Nase
THEATER / Die junge Theatergruppe 400 ASA zeigt im Tojo der Reitschule
Bern eine karge und faszinierend originelle Inszenierung von Ödön
von Horváths «Italienische Nacht».
niz. Ein langer Holztisch und ein paar Stühle, die Schauspielerinnen
und Schauspieler sitzen zu Tisch. Wie Hühner auf der Stange,
in erdfarbenen Kostümen, denen im Licht etwas Unwirkliches
anhaftet, blicken sie aufs Publikum. Dann beginnen sie, im Chor
seufzend, alle mit einem Buch in der Hand, die Regieanweisungen
vorzulesen: Ödön von Horvath, «Italienische Nacht»,
erstes Bild . . .
Die Anweisungen zur Bühnenausstattung werden im Chor, andere
Regieanweisungen von einzelnen Spielerinnen und Spielern gesprochen,
die Figuren des Stückes werden durch die Sprachführung
und durch wenige, automatisierte Gesten charakterisiert. Die transparente
Textbehandlung macht den Spielakt sichtbar. So blättert man
im Buch den zu sprechenden Part nach und widersetzt sich mit einem
angewiderten Seitenblick der Anweisung «Schnellt hoch».
Dadurch entsteht eine Distanz zwischen Figur und Spieler, die an
Brechts Verfremdungstheorie erinnert. Doch nicht nur die ironischen
Brüche zwischen Text und Spiel lassen die Inszenierung zu einer
erfreulich heiteren Sache werden. So kann man dem bei heftigem Geschmuseeingespielten
Vogelgezwitscher oder dem Faschisten mit den Rasta-Löckchen
eine gewisse Komik nicht absprechen. Und wenn der verliebte Hitlerbube
sein Mädel erst an der Nase packt, dann in die Brust zwickt,
beweist die erschreckende Grobheit doch immerhin Witz. Dem Regieduo
Samuel Schwarz und Udo Israel ist etwas gelungen, was in Bern selten
zu sehen ist: eine Aufführung, die durch ihre konzeptionelle
Konsequenz und Stimmigkeit besticht. Sie profitiert nicht einfach
nur von der Kraft ihrer literarischen Textvorlage, sondern lebt
durch die schauspielerischen Leistungen, vor allem aber von ihrer
selbstbewusst theatralischen Umsetzung.
|
|