PRESSEARCHIV

ITALIENISCHE NACHT - DER BUND - 27.09.99
Der Faschist packts bei der Nase

THEATER / Die junge Theatergruppe 400 ASA zeigt im Tojo der Reitschule Bern eine karge und faszinierend originelle Inszenierung von Ödön von Horváths «Italienische Nacht».

niz. Ein langer Holztisch und ein paar Stühle, die Schauspielerinnen und Schauspieler sitzen zu Tisch. Wie Hühner auf der Stange, in erdfarbenen Kostümen, denen im Licht etwas Unwirkliches anhaftet, blicken sie aufs Publikum. Dann beginnen sie, im Chor seufzend, alle mit einem Buch in der Hand, die Regieanweisungen vorzulesen: Ödön von Horvath, «Italienische Nacht», erstes Bild . . .

Die Anweisungen zur Bühnenausstattung werden im Chor, andere Regieanweisungen von einzelnen Spielerinnen und Spielern gesprochen, die Figuren des Stückes werden durch die Sprachführung und durch wenige, automatisierte Gesten charakterisiert. Die transparente Textbehandlung macht den Spielakt sichtbar. So blättert man im Buch den zu sprechenden Part nach und widersetzt sich mit einem angewiderten Seitenblick der Anweisung «Schnellt hoch». Dadurch entsteht eine Distanz zwischen Figur und Spieler, die an Brechts Verfremdungstheorie erinnert. Doch nicht nur die ironischen Brüche zwischen Text und Spiel lassen die Inszenierung zu einer erfreulich heiteren Sache werden. So kann man dem bei heftigem Geschmuseeingespielten Vogelgezwitscher oder dem Faschisten mit den Rasta-Löckchen eine gewisse Komik nicht absprechen. Und wenn der verliebte Hitlerbube sein Mädel erst an der Nase packt, dann in die Brust zwickt, beweist die erschreckende Grobheit doch immerhin Witz. Dem Regieduo Samuel Schwarz und Udo Israel ist etwas gelungen, was in Bern selten zu sehen ist: eine Aufführung, die durch ihre konzeptionelle Konsequenz und Stimmigkeit besticht. Sie profitiert nicht einfach nur von der Kraft ihrer literarischen Textvorlage, sondern lebt durch die schauspielerischen Leistungen, vor allem aber von ihrer
selbstbewusst theatralischen Umsetzung.

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