Text
wird gelesen, nie gespielt
400 Asa nennt sich die junge Theatergruppe und spielt damit auf
ihre Empfindlichkeit an. Mit ihrem ungewöhnlich inszenierten
Horváth-Stück hat sie zurzeit grossen Erfolg in der
Berner Reitschule.
Renate Dubach
Am Anfang war der Geldmangel. Für die Produktion von Ödön
von Horváths «Italienische Nacht», so wie sie
sich die Gruppe um Samuel Schwarz, Udo Israel und Lukas Bärfuss
vorgestellt hatte, fehlten schlicht die Mittel. Das führte
erst zu Wut, dann zu kreativem Umgang damit und schliesslich zum
«Bekenntnis 99». Dieses ist ein Aufruf zur Beschränkung
der künstlerischen Mittel und liest sich ähnlich wie Lars
von Triers «Dogma 95» für den Film: «Alle
Schauspielerinnen befinden sich immer auf der Bühne. Es gibt
keine Abgänge», steht da. Oder: «Requisiten sind
unnötig. Das Textbuch stellt alles dar.» Der vielleicht
extremste der zehn Punkte steht zuoberst: «Gespielt wird an
einem Tisch.» Das schränkt schon mächtig ein. Und
ist eigentlich schon falsch formuliert, denn Punkt vier fordert
recht kategorisch: «Text wird gelesen, nie gespielt.»
Regieanweisungen lesen
Dass so Schauspielen funktionieren kann, beweist 400 Asa - die sich
nach der Filmempfindlichkeitsnorm benannt hat, weil diese «nicht
zu hoch und nicht zu tief ist» - mit der «Italienischen
Nacht» in der Reitschule. Der 1938 verstorbene österreichische
Autor siedelte das Stück in der Weimarer Republik an, um darin
die zeitgenössischen politischen Konflikte zu reflektieren.
In Bern sitzen die Schauspielenden wirklich an einem Tisch und lesen
Horváths Text mit Regieanweisungen vor, die sie dann aber
nicht ausführen - weil spielen Bekenntnis-gemäss nicht
erlaubt ist. Das ist sicher witzig, aber allzu oft lässt es
sich nicht wiederholen. Das ist auch Samuel Schwarz, dem Regisseur
der «Italienischen Nacht», klar: «Wir werden das
'Bekenntnis 99' ständig weiterentwickeln.»
Genussvolles Erzählen
Verbindungen habe er mittlerweile europaweit, sagt der 1971 in Bern
geborene Absolvent desWirtschaftsgymnasiums. Die rund zwanzig Schauspielerinnen
und Schauspieler, die in der «Italienischen Nacht» mitlesen,
hat Samuel Schwarz im Lauf seiner Schauspiel- und Regieausbildung
in Zürich kennen gelernt. Darunter befinden sich Fabian Krüger,
der zurzeit am Zürcher Schauspielhaus in Gorkis «Nachtasyl»
beschäftigt ist, dann Catriona Guggenbühl und die vom
Club 111 bekannte Grazia Pergoletti. «Wir sind in der Regiearbeit
von Bertolt Brecht, Heiner Müller und Benno Besson verwurzelt
und wollen diese Tradition weiterführen», sagt Schwarz.
«Episches Theater» sei ihre Stärke, darauf wollten
sie sich konzentrieren, auf das genussvolle, heitere, überhaupt
nicht gefrustete Erzählen von zeitgenössischen, politischen
Geschichten. Und das alles muss mit minimalsten Mitteln auf die
Bühne gebracht werden und so, dass das Publikum Einsicht in
die Künstlichkeit erhält: «Der Schauspieler führt
seine Figur wie eine Puppe vor sich her. Er ist sich immer bewusst,
dass er spielt», sagt Schwarz. Der ebenfalls 28-jährige
Langenthaler Stückeschreiber und Dramaturg Lukas Bärfuss
fügt hinzu, dass 400 Asa Gegensteuer geben wolle zum gegenwärtigen
Illusionstheater, das mit neuen Medien operiere und Realität
vorspiele: «Wir wollen eine Distanz schaffen zwischen der
Bühne und dem Publikum.»
Gas geben
Stücke, die all den Anforderungen von 400 Asa genügen,
gibt es natürlich nicht wie Sand am Meer: «Wir brauchen
neue Texte. Stücke müssen geschrieben werden! Solange
diese nicht existieren, kann man an alten Texten die neue Form pro-
bieren.» So steht es im «Bekenntnis 99». Lukas
Bärfuss muss «Gas geben, Stoffe erarbeiten, Stücke
schreiben» und erst einmal herausfinden, was noch adäquat
sei. An Energie scheint es den beiden nicht zu mangeln: Bärfuss,
Gewinner des Langenthaler Literaturstipendiums 1998, hat nebenbei
ein Stück für Kinder zum Millenium verfasst, das am 12.
Januar in Zürich Premiere haben wird. Zusätzlich wird
er nächstens seinen ersten Roman veröffentlichen. Auch
Samuel Schwarz kann freischaffend von seinen vielseitigen Tätigkeiten
leben. Zusammen mit Udo Israel erhielt er letztes Jahr den Radiopreis
für das siebenteilige Hörspiel «Röstiblitz».
Im April war er Co-Regisseur des Pilotfilms zu einer neuen Schweizer
Fernsehserie mit dem Titel «Eden», dessen Drehbuch er
verfasste. Mitgespielt haben so bekannte Leute wie Anne-Marie Blanc,
Katharina Thalbach und Andrea Zogg. Über mangelnde Arbeit können
sich die beiden nicht beklagen. Über fehlenden Erfolg auch
nicht. Auf die weiteren «Bekenntnisse» und deren Umsetzung
wird es ankommen.*
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