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ITALIENISCHE NACHT - BERNER ZEITUNG - 25.09.99
Text wird gelesen, nie gespielt

400 Asa nennt sich die junge Theatergruppe und spielt damit auf ihre Empfindlichkeit an. Mit ihrem ungewöhnlich inszenierten Horváth-Stück hat sie zurzeit grossen Erfolg in der Berner Reitschule.

Renate Dubach

Am Anfang war der Geldmangel. Für die Produktion von Ödön von Horváths «Italienische Nacht», so wie sie sich die Gruppe um Samuel Schwarz, Udo Israel und Lukas Bärfuss vorgestellt hatte, fehlten schlicht die Mittel. Das führte erst zu Wut, dann zu kreativem Umgang damit und schliesslich zum «Bekenntnis 99». Dieses ist ein Aufruf zur Beschränkung der künstlerischen Mittel und liest sich ähnlich wie Lars von Triers «Dogma 95» für den Film: «Alle Schauspielerinnen befinden sich immer auf der Bühne. Es gibt keine Abgänge», steht da. Oder: «Requisiten sind unnötig. Das Textbuch stellt alles dar.» Der vielleicht extremste der zehn Punkte steht zuoberst: «Gespielt wird an einem Tisch.» Das schränkt schon mächtig ein. Und ist eigentlich schon falsch formuliert, denn Punkt vier fordert recht kategorisch: «Text wird gelesen, nie gespielt.»

Regieanweisungen lesen

Dass so Schauspielen funktionieren kann, beweist 400 Asa - die sich nach der Filmempfindlichkeitsnorm benannt hat, weil diese «nicht zu hoch und nicht zu tief ist» - mit der «Italienischen Nacht» in der Reitschule. Der 1938 verstorbene österreichische Autor siedelte das Stück in der Weimarer Republik an, um darin die zeitgenössischen politischen Konflikte zu reflektieren. In Bern sitzen die Schauspielenden wirklich an einem Tisch und lesen Horváths Text mit Regieanweisungen vor, die sie dann aber nicht ausführen - weil spielen Bekenntnis-gemäss nicht erlaubt ist. Das ist sicher witzig, aber allzu oft lässt es sich nicht wiederholen. Das ist auch Samuel Schwarz, dem Regisseur der «Italienischen Nacht», klar: «Wir werden das 'Bekenntnis 99' ständig weiterentwickeln.»

Genussvolles Erzählen

Verbindungen habe er mittlerweile europaweit, sagt der 1971 in Bern geborene Absolvent desWirtschaftsgymnasiums. Die rund zwanzig Schauspielerinnen und Schauspieler, die in der «Italienischen Nacht» mitlesen, hat Samuel Schwarz im Lauf seiner Schauspiel- und Regieausbildung in Zürich kennen gelernt. Darunter befinden sich Fabian Krüger, der zurzeit am Zürcher Schauspielhaus in Gorkis «Nachtasyl» beschäftigt ist, dann Catriona Guggenbühl und die vom Club 111 bekannte Grazia Pergoletti. «Wir sind in der Regiearbeit von Bertolt Brecht, Heiner Müller und Benno Besson verwurzelt und wollen diese Tradition weiterführen», sagt Schwarz. «Episches Theater» sei ihre Stärke, darauf wollten sie sich konzentrieren, auf das genussvolle, heitere, überhaupt nicht gefrustete Erzählen von zeitgenössischen, politischen Geschichten. Und das alles muss mit minimalsten Mitteln auf die Bühne gebracht werden und so, dass das Publikum Einsicht in die Künstlichkeit erhält: «Der Schauspieler führt seine Figur wie eine Puppe vor sich her. Er ist sich immer bewusst, dass er spielt», sagt Schwarz. Der ebenfalls 28-jährige Langenthaler Stückeschreiber und Dramaturg Lukas Bärfuss fügt hinzu, dass 400 Asa Gegensteuer geben wolle zum gegenwärtigen Illusionstheater, das mit neuen Medien operiere und Realität vorspiele: «Wir wollen eine Distanz schaffen zwischen der Bühne und dem Publikum.»

Gas geben

Stücke, die all den Anforderungen von 400 Asa genügen, gibt es natürlich nicht wie Sand am Meer: «Wir brauchen neue Texte. Stücke müssen geschrieben werden! Solange diese nicht existieren, kann man an alten Texten die neue Form pro- bieren.» So steht es im «Bekenntnis 99». Lukas Bärfuss muss «Gas geben, Stoffe erarbeiten, Stücke schreiben» und erst einmal herausfinden, was noch adäquat sei. An Energie scheint es den beiden nicht zu mangeln: Bärfuss, Gewinner des Langenthaler Literaturstipendiums 1998, hat nebenbei ein Stück für Kinder zum Millenium verfasst, das am 12. Januar in Zürich Premiere haben wird. Zusätzlich wird er nächstens seinen ersten Roman veröffentlichen. Auch Samuel Schwarz kann freischaffend von seinen vielseitigen Tätigkeiten leben. Zusammen mit Udo Israel erhielt er letztes Jahr den Radiopreis für das siebenteilige Hörspiel «Röstiblitz». Im April war er Co-Regisseur des Pilotfilms zu einer neuen Schweizer Fernsehserie mit dem Titel «Eden», dessen Drehbuch er verfasste. Mitgespielt haben so bekannte Leute wie Anne-Marie Blanc, Katharina Thalbach und Andrea Zogg. Über mangelnde Arbeit können sich die beiden nicht beklagen. Über fehlenden Erfolg auch nicht. Auf die weiteren «Bekenntnisse» und deren Umsetzung wird es ankommen.*

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