PRESSEARCHIV

ITALIENISCHE NACHT - NEUE ZüRCHER ZEITUNG - 16.10.99
Zwischen Buch und Bühne
Ödön von Horváth in der Roten Fabrik


«Drum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen», hat niemand zu ihnen gesagt. Also haben sie keine Prospekte und kaum Maschinen - aber dafür ein etwas anderes Theaterkonzept. Was den dänischen Filmemachern um Lars von Trier ihr «Dogma 95», ist dem Ensemble 400 Asa um den Wahlzürcher Samuel Schwarz das - aus finanziellen Nöten - geborene «Bekenntnis 99»: keine Requisiten, keine Verstecke für Scheinwerfer und Tontechnik, keine Kulissen; und keine Abgänge, keine Figuren, kein Schauspiel. Kein Schauspiel? Für die erste Produktion nach den neuen Regeln hat sich 400 Asa ausgerechnet jenes hellsichtig-flotte «Volksstück in sieben Bildern» von 1931 ausgesucht, das Alfred Kerr als «besten Zeitspass dieser Läufte» feierte. Spässe waren rar in diesen Läuften: Ödön von Horváths «Italienische Nacht» spielt in einer süddeutschen Kleinstadt im Jahr 1930. Am Donnerstag war das (Nicht-)Drama, das Anfang September in Bern Premiere hatte, zum erstenmal in Zürich zu sehen, und an der Kasse der Roten Fabrik stand man Schlange.

Brechend voll ist es an dem Abend auch auf der Bühne: Da sitzen die einen wie ein puritanischer Kaninchenzüchterverein an einer langen Tafel, klägliche Mineralwasserfläschchen vor sich - und hinter sich die anderen, die gequält dastehen wie fusskranke Kellner, denen ein Diner mit notorischen Nörglern droht (Bühnenbild: Chantal Wuhrmann). Es sind dann aber doch keine Kaninchenzüchter, sondern die Genossen des republikanischen Schutzverbandes - der freilich auch nicht viel politischer ist, wie sich im Lauf dieser Satire auf «die Masse der Politisierenden und den Gebrauch politischer Schlagworte» (Horváth) zeigen wird. An ihrem bunten Abend, der italienischen Nacht, schwitzen sie denn auch bloss bei Tanz und Tarock, bis die Faschisten ihnen den Marsch blasen.

«Im Wirtshaus des Josef Lehninger . . . Es ist Sonntag vormittag, und die Sonne scheint»: Alle rund zwanzig Schauspieler zücken ihre grünen Suhrkamp-Taschenbuchbände und lesen im Chor die erste Regieanweisung vor. Auch das gehört zum «Bekenntnis 99»: Nur Text lesen, nicht Text spielen, aber dafür den ganzen Text von der ersten Ortsbeschreibung bis zur letzten Regieanweisung, von den eitlen Spiegelfechtereien über Mein-Marx-dein-Marx bis zur Prügelei mit den Nazis - die hier noch mit dem Sieg der Demokraten endet. Doch zum Glück hält sich die Gruppe 400 Asa nur bedingt an ihre eigenen Maximen. Wenn etwa Fabian Krüger als rebellischer Martin, der die Zeichen der Zeit erkennt, loslegt, schlägt er gerade durch seine kargen Gesten, seine strenge Mimik alle in seinen Bann. Mal wird eine Regieanweisung konterkariert, mal wird sie punktgenau befolgt; mal werden die Sätze zögerlich abgelesen, mal auswendig gesprochen: fast immer jedenfalls kreiert der 28jährige Regisseur Samuel Schwarz eine fruchtbar ironische und ironisch fruchtbare Spannung zwischen Buch und Bühne (Co-Regie: Udo Israel). Eine Spannung, in der sich jedes Vogelgezwitscher nach David Lynch anhört und das Hakenkreuzlied, ein wenig fragwürdig, in Countrygejodel ersäuft (Musik: Frank Heierli). Zwischen Papiergeraschel, Chorgeflüster und Partylöwengehabe an der italienischen Nacht wächst ein Spiel, oft faszinierender als viele, die eins sein wollten.

Alexandra M. Kedve
Zürich, Rote Fabrik, 14. Oktober.

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