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Gottfried Keller und die New Economy
Am Maxim Gorki Theater in Berlin hat das Stück "Neue
Mitte" der jungen Berner Autoren Raphael Urweider und Samuel
Schwarz seine Uraufführung erlebt.
CHRISTIAN HUNZIKER
Wer zeitgenössisches Schweizer Theaterschaffen erleben will,
wird in dieser Spielzeit öfter das Maxim Gorki Theater in
Berlin besuchen müssen. Der neue Intendant Volker Hesse setzt
auf die Kontakte, die er in seiner Zeit am Zürcher Neumarkt-Theater
geknüpft hat, und kündigt beispielsweise je eine Uraufführung
von Urs Widmer und Thomas Hürlimann an. Und den Saisonauftakt
im Studio vertraute er dem 30-jährigen Regisseur Samuel Schwarz
an, der anscheinend unaufhaltsam seinen Weg von der Off-Theatergruppe
400 ASA an die grossen Häuser geht.
"Neue Mitte. Ein Kammerspiel" heisst das Stück,
das Schwarz zusammen mit dem bisher als Lyriker hervorgetretenen
Raphael Urweider geschrieben hat. Der dritte und wichtigste Autor
bleibt im Programmheft unerwähnt. Es ist Gottfried Keller
mit seiner Novelle "Die drei gerechten Kammmacher".
Die bitterböse Geschichte der drei allein dem beruflichen
Erfolg verpflichteten Handwerksgesellen, die am Schluss alle im
Elend enden, wird im ersten Teil von einer Erzählerin und
einem Erzähler vorgelesen und durch Spielszenen illustriert.
Dabei geht es selbstredend nicht um blosse Abbildung, sondern
um ironische Brechung und anachronistische Überblendung.
Im Stil der Kleinkinder-Fernsehfiguren der Teletubbies wackeln
die fünf jungen Darstellerinnen und Darsteller über
die Bühne, erläutern im Chor altertümliche Ausdrücke
Kellers und schrecken auch vor einer leider unpräzisen Rap-Einlage
nicht zurück.
Nach der Pause ist Schluss mit Keller. Die drei Kammmacher sind
in der Gegenwart der New Economy gelandet und lümmeln im
Loft ihres Start-up-Unternehmens kammmacher.com herum. Ihre Gespräche
drehen sich um das Verhältnis von kreativer Arbeit und Repräsentationspflichten,
um Cybersex und Existenzangst. Keine durchgehende Handlung wird
dem Publikum vorgesetzt, sondern eine Abfolge von Situationen,
Theorien und Assoziationen, wozu Platons Höhlengleichnis
und Anspielungen auf den Modeautor Michel Houellebecq ebenso gehören
wie vor keinem Kalauer zurückschreckende Begriffsketten von
Kammmacher über Kamasutra bis zu Campari Soda. Auf verschiedenen
Wegen nähert sich so das Inszenierungsteam seiner These,
wonach Kellers Kammmacher die Vorläufer der Internet-Tüftler
von heute seien. Diese wie jene sind völlig auf ihre Arbeit
konzentriert und ordnen ihre persönlichen Bedürfnisse
dem beruflichen Erfolg unter. Diese wie jene sind Nomaden, die
keine Heimat kennen und so die Globalisierung personifizieren.
Und diese wie jene finden letztlich keine Erfüllung in ihrem
Tun. Sie sind die "Neue Mitte", verstanden als Mittelschicht
ihrer Zeit.
Ein hübscher Gedanke - wenn nicht die Blütezeit der
New Economy schon wieder vorbei wäre. Ein in die Inszenierung
eingeschobener Text des Multimedia-Unternehmers Paulus Neef, der
in nostalgischem Tonfall an die wenige Jahre zurückliegende
Pionierzeit erinnert, macht deutlich, dass dies auch Urweider
und Schwarz nicht entgangen ist. Doch damit wird gleichzeitig
die Unschärfe ihres inszenatorischen Konzepts offenkundig.
So hinterlässt der stellenweise durchaus ideenreiche und
amüsante Theaterabend einen im Ganzen unbefriedigenden Eindruck.
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