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NEUE MITTE - DER BUND - 18.09.2001

Gottfried Keller und die New Economy

Am Maxim Gorki Theater in Berlin hat das Stück "Neue Mitte" der jungen Berner Autoren Raphael Urweider und Samuel Schwarz seine Uraufführung erlebt.

CHRISTIAN HUNZIKER

Wer zeitgenössisches Schweizer Theaterschaffen erleben will, wird in dieser Spielzeit öfter das Maxim Gorki Theater in Berlin besuchen müssen. Der neue Intendant Volker Hesse setzt auf die Kontakte, die er in seiner Zeit am Zürcher Neumarkt-Theater geknüpft hat, und kündigt beispielsweise je eine Uraufführung von Urs Widmer und Thomas Hürlimann an. Und den Saisonauftakt im Studio vertraute er dem 30-jährigen Regisseur Samuel Schwarz an, der anscheinend unaufhaltsam seinen Weg von der Off-Theatergruppe 400 ASA an die grossen Häuser geht.

"Neue Mitte. Ein Kammerspiel" heisst das Stück, das Schwarz zusammen mit dem bisher als Lyriker hervorgetretenen Raphael Urweider geschrieben hat. Der dritte und wichtigste Autor bleibt im Programmheft unerwähnt. Es ist Gottfried Keller mit seiner Novelle "Die drei gerechten Kammmacher". Die bitterböse Geschichte der drei allein dem beruflichen Erfolg verpflichteten Handwerksgesellen, die am Schluss alle im Elend enden, wird im ersten Teil von einer Erzählerin und einem Erzähler vorgelesen und durch Spielszenen illustriert. Dabei geht es selbstredend nicht um blosse Abbildung, sondern um ironische Brechung und anachronistische Überblendung. Im Stil der Kleinkinder-Fernsehfiguren der Teletubbies wackeln die fünf jungen Darstellerinnen und Darsteller über die Bühne, erläutern im Chor altertümliche Ausdrücke Kellers und schrecken auch vor einer leider unpräzisen Rap-Einlage nicht zurück.

Nach der Pause ist Schluss mit Keller. Die drei Kammmacher sind in der Gegenwart der New Economy gelandet und lümmeln im Loft ihres Start-up-Unternehmens kammmacher.com herum. Ihre Gespräche drehen sich um das Verhältnis von kreativer Arbeit und Repräsentationspflichten, um Cybersex und Existenzangst. Keine durchgehende Handlung wird dem Publikum vorgesetzt, sondern eine Abfolge von Situationen, Theorien und Assoziationen, wozu Platons Höhlengleichnis und Anspielungen auf den Modeautor Michel Houellebecq ebenso gehören wie vor keinem Kalauer zurückschreckende Begriffsketten von Kammmacher über Kamasutra bis zu Campari Soda. Auf verschiedenen Wegen nähert sich so das Inszenierungsteam seiner These, wonach Kellers Kammmacher die Vorläufer der Internet-Tüftler von heute seien. Diese wie jene sind völlig auf ihre Arbeit konzentriert und ordnen ihre persönlichen Bedürfnisse dem beruflichen Erfolg unter. Diese wie jene sind Nomaden, die keine Heimat kennen und so die Globalisierung personifizieren. Und diese wie jene finden letztlich keine Erfüllung in ihrem Tun. Sie sind die "Neue Mitte", verstanden als Mittelschicht ihrer Zeit.

Ein hübscher Gedanke - wenn nicht die Blütezeit der New Economy schon wieder vorbei wäre. Ein in die Inszenierung eingeschobener Text des Multimedia-Unternehmers Paulus Neef, der in nostalgischem Tonfall an die wenige Jahre zurückliegende Pionierzeit erinnert, macht deutlich, dass dies auch Urweider und Schwarz nicht entgangen ist. Doch damit wird gleichzeitig die Unschärfe ihres inszenatorischen Konzepts offenkundig. So hinterlässt der stellenweise durchaus ideenreiche und amüsante Theaterabend einen im Ganzen unbefriedigenden Eindruck.


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