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Haarig, haarig: "Neue Mitte" als Drama
Ausgerechnet Kämme. Die untrüglichen Wahrzeichen akkurat
gescheitelten Spießertums, die irgendwann selbst aus der
verschlafensten Gesäßtasche verschwunden waren, sollen
jetzt zum coolen Modetrend des Internetzeitalters werden. Dabei
hatte man sich doch gerade erst darauf verständigt, den verstrubbelten
Haarschopf als Zeichen besonderer Individualität und Kreativität
anzuerkennen. Müssen Friseurinnung und Kosmetikindustrie
schon wieder umdenken?
Den Kamm noch einmal neu erfinden wollen die hippen "Kamm(m)acher".
Sie sehen ihn als verheißungsvollen Trend, natürlich
nicht in angeknabbertem Hirschhorn, sondern in topaktuellem Design
und den Farben der Saison. Vorerst ist das nur eine Idee, aber
schon bald soll sie die Massen ergreifen. Ironisch gebrochen wird
die Jugend den verstoßenen Kamm wieder in ihr Herz schließen,
so dieVision. Hinter den "Kamm(m)achern" stecken die
beiden Schweizer Samuel Schwarzund Raphael Urweider. Sie sind
mit ihrer Geschäftsidee auf die Bühne statt an die Börse
gegangen, was in diesen unsicheren Zeiten vielleicht sogar klüger
ist. Die drei "Kamm(m)acher" sind die Protagonisten
ihres gemeinsam verfaßten Stücks "Neue Mitte",
das im Studio des Berliner Gorki Theaters uraufgeführt wurde.
Das Stück hat aber wesentlich mehr im Sinn als nur das Anpreisen
schicker Haaraccessoires. Zwischen den Zinken der Kammgeschichte
soll der "neue,entwurzelte Angestellte" scharf ins Auge
genommen und der "ökonomischen und kulturellen Globalisierung"
kräftig gegen das Fell gebürstet werden. Zunächstgeht
es aber an diesem Theaterabend zurück in die Vergangenheit.
Denn ursprünglich kommen die "Kammacher" ganz woanders
her: aus Seldwyla, worin sie Gottfried Keller 1856 in seiner Erzählung
"Die drei gerechten Kammacher" als Prototypen eines
neuen, sich selbst verleugnenden, individuellen Kapitalismus beschrieb.
Samuel Schwarz, der Regisseur, nimmt sich viel Zeit, uns diese
Geschichte in Erinnerung zu rufen. Er setzt zwei ältere,
würdig gekleidete Schauspieler, Monika Hetterle und Dietmar
Obst, an den Bühnenrand, läßt sie dicke Märchenbücher
aufschlagen und in aller Betulichkeit das Schicksal der drei Handwerksgesellen
ausbreiten.
Hinter den Erzählern ist derweil eine junge Schauspieltruppe
unter tarnfarbig bepixelten Papierbaumkronen, die Chantal Wuhrmann
entworfen hat, damit beschäftigt, das Vorgetragene gestisch
und lautmalerisch zu illustrieren. Sie tun das zunächst hampelnd
und quiekend in alberner Teletubbies-Manier, emanzipieren sich
aber im Verlauf der Handlung zu sehenswerter Stummfilmexpressivität,
untermalt von sphärischen Elektroklängen.
Die drei Kammachergesellen, die mit ihren langen Schürzen
und roten Kappen an fleißige Zwerge erinnern, eint dasselbe
hehre Ziel: Sie wollen später ihr eigenes Kammachergeschäft
besitzen. Deshalb arbeiten sie auch sonntags, verstecken all ihr
Erspartes unter der Matratze und machen um Weiberröcke und
Wirtshäuser einen großen Bogen. Die Folge davon ist,
daß bald mehr Kämme als nötig existieren, der
Absatz stockt und der Meister sich von zwei der drei Gesellen
trennen muß. Die große Ökonomie hat den kleinen
rationalen Lebensplan über den Haufen geworfen. Am Ende erreicht
nur einer den ersehnten Status, ist aber dafür mit einer
herrschsüchtigen Ehefrau geschlagen, die ihm den Aufstieg
finanziert hat.
Was haben nun diese unglücklichen Hinterwäldler mit
den coolen "Kamm(m)achern"zu tun, die im zweiten Teil
des Abends so vitalitätsstrotzend auf die Bühne hüpfen
mit kämpferischen Rap-Gesängen, stolz geschwelltem Logo
auf der grauen T-Shirt-Brust und kühn auf den Horizont gerichtetem
Model-Blick? Mehr, als man auf Anhieb vermuten mag. Wie ein beflissener
Gymnasiallehrer führt der Regisseur in die Zusammenhänge
ein, zitiert Kleists Marionettentheorem, ein bißchen Angestelltensoziologie
und läßt das Platonische Höhlengleichnis sogar
vollständig aufführen. Da ist er also, der falsche Schein,
der uns seit Anbeginn umfängt, die Entfremdung, die wir nicht
mehr spüren, weil die Kommerzialisierung unserer Existenz
so weit fortgeschritten ist, daß sie sich mittlerweile unsere
individuellsten Merkmale zunutze machen kann, wie unsere Feinfühligkeit,
unsere Unsicherheit, unseren Rebellengeist.
Die praktischen Szenen, die sich mit diesem Theorieteil abwechseln,
halten manches Kleinod parodistischer Beobachtung aus der New-Economy-Szene
parat, bleiben aber in ihrer Fragmentarität merkwürdig
blaß gegenüber der Stringenz der Novelle Kellers. Die
zeitreisenden Kammachergesellen, die ihr Schweizer Idyll gegen
ein karges Matratzenloft getauscht haben, bekommen nun leichte
Figurenumrisse verpaßt, Siegfried Terpoortens Fridolin ist
der robuste Anführer, der autoritär "Teamwork"
und "neues Denken" einfordert: "Und dann plapper
mir nicht alles nach. Wir sind Individualisten!" Der so Gescholtene
ist der Jobst des Fabian Krüger, der die klassische Mitläuferrolle
übernommen hat und manchmal sentimental aus der Rolle fällt.
Norman Schenk gibt schließlich Dietrich, den zweifelnden
Sinnsucher, der - natürlich - der wirklich Kreative ist.
Anya Fischer und Meret Hottinger spielen die junge Erbin, die
eine Spielernatur in sich entdeckt hat und mit dem mittelfristigen
Ziel, einen Ehemann zu finden, in die junge Firma investiert.
Das ist fein übertragen aus dem Kellerschen Original, aber
nur wenig weiter ausgeführt, weil sich der Einfallsreichtum
auf einem anderen Feld austobt. Es ist erstaunlich, mit wieviel
Lust und Spürsinn die beiden Autoren ihre erfundene"Kamm(m)acher"-Marke
ausgestalten, wie überzeugend Logo, Design und Internetauftritt
geraten und wie einleuchtend die Erweiterung um ein "Kam(m)asutra"-Mode-Label
und ein "Kamm-Boccia"-Freizeitspiel erscheint. Vielleicht
sollten sie es doch noch einmal am Neuen Markt versuchen.
MATTHIAS EHLERT
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