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NEUE MITTE - FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG - 18.09.2001

Haarig, haarig: "Neue Mitte" als Drama

Ausgerechnet Kämme. Die untrüglichen Wahrzeichen akkurat gescheitelten Spießertums, die irgendwann selbst aus der verschlafensten Gesäßtasche verschwunden waren, sollen jetzt zum coolen Modetrend des Internetzeitalters werden. Dabei hatte man sich doch gerade erst darauf verständigt, den verstrubbelten Haarschopf als Zeichen besonderer Individualität und Kreativität anzuerkennen. Müssen Friseurinnung und Kosmetikindustrie schon wieder umdenken?

Den Kamm noch einmal neu erfinden wollen die hippen "Kamm(m)acher". Sie sehen ihn als verheißungsvollen Trend, natürlich nicht in angeknabbertem Hirschhorn, sondern in topaktuellem Design und den Farben der Saison. Vorerst ist das nur eine Idee, aber schon bald soll sie die Massen ergreifen. Ironisch gebrochen wird die Jugend den verstoßenen Kamm wieder in ihr Herz schließen, so dieVision. Hinter den "Kamm(m)achern" stecken die beiden Schweizer Samuel Schwarzund Raphael Urweider. Sie sind mit ihrer Geschäftsidee auf die Bühne statt an die Börse gegangen, was in diesen unsicheren Zeiten vielleicht sogar klüger ist. Die drei "Kamm(m)acher" sind die Protagonisten ihres gemeinsam verfaßten Stücks "Neue Mitte", das im Studio des Berliner Gorki Theaters uraufgeführt wurde.
Das Stück hat aber wesentlich mehr im Sinn als nur das Anpreisen schicker Haaraccessoires. Zwischen den Zinken der Kammgeschichte soll der "neue,entwurzelte Angestellte" scharf ins Auge genommen und der "ökonomischen und kulturellen Globalisierung" kräftig gegen das Fell gebürstet werden. Zunächstgeht es aber an diesem Theaterabend zurück in die Vergangenheit. Denn ursprünglich kommen die "Kammacher" ganz woanders her: aus Seldwyla, worin sie Gottfried Keller 1856 in seiner Erzählung "Die drei gerechten Kammacher" als Prototypen eines neuen, sich selbst verleugnenden, individuellen Kapitalismus beschrieb. Samuel Schwarz, der Regisseur, nimmt sich viel Zeit, uns diese Geschichte in Erinnerung zu rufen. Er setzt zwei ältere, würdig gekleidete Schauspieler, Monika Hetterle und Dietmar Obst, an den Bühnenrand, läßt sie dicke Märchenbücher aufschlagen und in aller Betulichkeit das Schicksal der drei Handwerksgesellen ausbreiten.

Hinter den Erzählern ist derweil eine junge Schauspieltruppe unter tarnfarbig bepixelten Papierbaumkronen, die Chantal Wuhrmann entworfen hat, damit beschäftigt, das Vorgetragene gestisch und lautmalerisch zu illustrieren. Sie tun das zunächst hampelnd und quiekend in alberner Teletubbies-Manier, emanzipieren sich aber im Verlauf der Handlung zu sehenswerter Stummfilmexpressivität, untermalt von sphärischen Elektroklängen.

Die drei Kammachergesellen, die mit ihren langen Schürzen und roten Kappen an fleißige Zwerge erinnern, eint dasselbe hehre Ziel: Sie wollen später ihr eigenes Kammachergeschäft besitzen. Deshalb arbeiten sie auch sonntags, verstecken all ihr Erspartes unter der Matratze und machen um Weiberröcke und Wirtshäuser einen großen Bogen. Die Folge davon ist, daß bald mehr Kämme als nötig existieren, der Absatz stockt und der Meister sich von zwei der drei Gesellen trennen muß. Die große Ökonomie hat den kleinen rationalen Lebensplan über den Haufen geworfen. Am Ende erreicht nur einer den ersehnten Status, ist aber dafür mit einer herrschsüchtigen Ehefrau geschlagen, die ihm den Aufstieg finanziert hat.

Was haben nun diese unglücklichen Hinterwäldler mit den coolen "Kamm(m)achern"zu tun, die im zweiten Teil des Abends so vitalitätsstrotzend auf die Bühne hüpfen mit kämpferischen Rap-Gesängen, stolz geschwelltem Logo auf der grauen T-Shirt-Brust und kühn auf den Horizont gerichtetem Model-Blick? Mehr, als man auf Anhieb vermuten mag. Wie ein beflissener Gymnasiallehrer führt der Regisseur in die Zusammenhänge ein, zitiert Kleists Marionettentheorem, ein bißchen Angestelltensoziologie und läßt das Platonische Höhlengleichnis sogar vollständig aufführen. Da ist er also, der falsche Schein, der uns seit Anbeginn umfängt, die Entfremdung, die wir nicht mehr spüren, weil die Kommerzialisierung unserer Existenz so weit fortgeschritten ist, daß sie sich mittlerweile unsere individuellsten Merkmale zunutze machen kann, wie unsere Feinfühligkeit, unsere Unsicherheit, unseren Rebellengeist.

Die praktischen Szenen, die sich mit diesem Theorieteil abwechseln, halten manches Kleinod parodistischer Beobachtung aus der New-Economy-Szene parat, bleiben aber in ihrer Fragmentarität merkwürdig blaß gegenüber der Stringenz der Novelle Kellers. Die zeitreisenden Kammachergesellen, die ihr Schweizer Idyll gegen ein karges Matratzenloft getauscht haben, bekommen nun leichte Figurenumrisse verpaßt, Siegfried Terpoortens Fridolin ist der robuste Anführer, der autoritär "Teamwork" und "neues Denken" einfordert: "Und dann plapper mir nicht alles nach. Wir sind Individualisten!" Der so Gescholtene ist der Jobst des Fabian Krüger, der die klassische Mitläuferrolle übernommen hat und manchmal sentimental aus der Rolle fällt. Norman Schenk gibt schließlich Dietrich, den zweifelnden Sinnsucher, der - natürlich - der wirklich Kreative ist. Anya Fischer und Meret Hottinger spielen die junge Erbin, die eine Spielernatur in sich entdeckt hat und mit dem mittelfristigen Ziel, einen Ehemann zu finden, in die junge Firma investiert.

Das ist fein übertragen aus dem Kellerschen Original, aber nur wenig weiter ausgeführt, weil sich der Einfallsreichtum auf einem anderen Feld austobt. Es ist erstaunlich, mit wieviel Lust und Spürsinn die beiden Autoren ihre erfundene"Kamm(m)acher"-Marke ausgestalten, wie überzeugend Logo, Design und Internetauftritt geraten und wie einleuchtend die Erweiterung um ein "Kam(m)asutra"-Mode-Label und ein "Kamm-Boccia"-Freizeitspiel erscheint. Vielleicht sollten sie es doch noch einmal am Neuen Markt versuchen.

MATTHIAS EHLERT

 


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