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Unsere kleine Welt
Neustart am Berliner Gorki-Theater
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Über Nacht müssen all die "aktuellen" Stücke,
für den Saisonbeginn geplant und geprobt, alt aussehen. Volker
Hesse, neuer Intendant am Gorki-Theater in Berlin, der am Zürcher
Neumarkt mit grossem Geschick gesellschaftliche Aktualität
bühnentauglich machte, wird wohl nicht als einziger Kulturschaffender
durch die erdrückende Allgegenwart von "America's New
War" (CNN-Headline) mit der geringen Halbwertszeit künstlerisch
aufbereiteter Sozialpolitik konfrontiert. Freilich und der Ehrlichkeit
halber: Schon vor dem 11. September wirkte Theresia Walsers neueste
dramatische Szenenfolge, "Die Heldin von Potsdam", nicht
nur undramatisch, sondern mehr flach als tief; und was die Lektüre
vermuten liess, bestätigt nun Hesses Inszenierung, so sehr
sie sich bemüht, dem auf eine Reihe von Personen verteilten
Endlosgequassel Rhythmus und Form zu verpassen. "Kannst Du
mal für einen Moment deinen Schwachsinn unterdrücken?",
fragt die Mutter von Paula, der selbsternannten und pünktlich
medial erst inthronisierten, dann demolierten "Heldin",
die Lesbe Fina - doch leider nicht nur Fina, auch die naturgemäss
krebskranke Mutter selbst plappert weiter, wenn sie nicht gerade
in komatösen Schlaf versinkt, und die andern verfügen
ebenfalls über ein geöltes Mundwerk: Paulas Lebensabschnittpartner
Richard und sein Freund Scotti, ein Arbeitgeber und sein Untergebener,
drei misshandelte "Ausländer" und ein hakenkreuzbemalter
Inländer im Rollstuhl, schliesslich Molly. Molly trägt
ein riesiges Geschenkpaket durchs Stück. Geöffnet wird
es nie, alle werweissen darüber, was drinsteckt; höchstwahrscheinlich
fungiert es als Metapher für den Abend: hübsche Verpackung
ohne Inhalt.
Oder anders: Vor lauter Inhalten voller Bedeutung, aber ohne Sinn,
sieht man kein Thema mehr. Beziehungsprobleme, Liebe, Sex, Prostitution,
Beruf, Arbeitslosigkeit, Konsum, Ausländerhass, Rassismus,
Rechtsradikalismus, Spiessertum, Ost- und Westdeutschland, die
Medien und noch einmal die Medien werden unablässig durch
Theresia Walsers schlagfertig-wortverliebte, mal drollig kalauernde,
mal schlicht manierierte Sprachmühle gedreht. Der Grundton
dieser plakativen, doch sicherlich "kritisch" gemeinten
Aufzählung von Problemen, auf die - schaut her! - mit dem
Finger gezeigt wird: dezidiert untragisch (obwohl nicht einmal
Auschwitz unerwähnt bleibt). Auf eine "Handlung"
wird verzichtet, abgesehen vom - bloss nacherzählten - Aufstieg
und Fall der Paula Wündrich, die vorgibt, eine Türkin
gegen Skins verteidigt zu haben. Der Unterschied zwischen diesem
Stück und einem Spaziergang mit offenen Augen und Ohren durch
eine deutsche Stadt beschränkt sich hauptsächlich darauf,
dass deutsche Städte nie von Kazuko Watanabe mit aparten
papierähnlichen Stoffkulissen verhängt sind und man
im zivilen Leben weniger häufig auf Katharina Thalbach trifft
als am Gorki-Theater. Sie stand dort schon vor Volker Hesse im
Mittelpunkt, und diesen Platz soll sie auch unter oder neben ihm,
auf der Bühne sowie demnächst am Regiepult, behalten.
Die Thalbach charmiert Mitspieler und Zuschauer vor allem, solang
sie als unverschämte Göre im knappen kleinen Schwarzen
die Augen verdrehen und mit dem Hintern wackeln darf; bald aber
liegt sie mit Kopfbandage und Augenklappe auf einem Krankenhausbett,
und die knallroten Lippen müssen für die übrigen,
unter dem weiten Nachthemd verborgenen Reize entschädigen.
Wozu das Ganze?, lautet die bohrende Frage, die bis zum Schluss
offen bleibt. Sie stellt sich allerdings anderntags im Gorki-Studio
mit verschärfter Dringlichkeit.
Samuel Schwarz, der junge, seit 1999 als neuer
Star der Schweizer Szene in die Theaterwelt katapultierte Regisseur
(seine Gruppe namens 400 Asa hat mindestens so viele manifestartige
"Bekenntnisse" veröffentlicht wie Inszenierungen
präsentiert; die vorletzte Tat war das Meienberg-Kabarett
am Basler Schauspiel), arbeitete für "Neue Mitte"
nicht wie sonst mit Lukas Bärfuss, sondern mit dem Rap-Poeten
Raphael Urweider zusammen. Schwarz und Urweider brachten eingangs
vor dem Vorhang den Entschluss zur Kenntnis, trotz den weltpolitischen
Umständen zu spielen; alle Texte seien "vor dem 11.
September" entstanden. Gottfried Kellers Novelle "Die
drei gerechten Kammacher", an der sie sich inspirierten und
aus der im ersten Teil ein Erzählerpaar vorliest, während
synchron auf der Bühne ein sauglattes pantomimisches Illustrationstheater
dem Kostümrausch erliegt, ist durch die amerikanische Tragödie
nicht schlechter geworden; die unsäglich pubertäre Weiterführung
des Stoffs, den der zweite Teil ins Internetfirmenmilieu transportiert,
nicht besser. Einigermassen fassungslos folgt man den beiden Blondinen,
auf deren T-Shirt der kellersche Name "Züs" prangt,
bei ihren länglichen Cybersex-Exkursen; mehr und mehr genervt
lässt man die Psychodiskussionen der drei Jünglinge
über sich ergehen, die mit der Firma kamm.com den Globalanschluss
an die Neuen Märkte suchen und nebenher Kleist oder Platon
explizieren, um das Wahre und die Ware auf einen gemeinsamen Nenner
zu bringen. Dabei fallen ihnen Wortspiele zur Silbe "Kamm"
ein: Kamm-bodscha oder Kamm-puter zum Beispiel. Welch superspassiges
Gaudi! Wie die Seifenblasen, eines der dekorativen Elemente auf
Chantal Wuhrmanns Bühne, zerplatzen solch penible Plattitüden
in der Luft über dem flächendeckenden rosa Federbett,
wo sich die zu Mitgliedern des "global Seld village"
avancierten Ex-Seldwyler räkeln und raufen.
Gesundes Selbstvertrauen ist beileibe nicht immer ein Pluspunkt.
Die Arroganz, mit der Samuel Schwarz den Theaterbetrieb zu seinem
Privatvergnügen umpolt, zeugt mehr von Prätention als
von Intelligenz. Zu Letzterer würde nebst Phantasie und Draufgängertum
auch zweifelnde Bescheidenheit zählen. Wer Gottfried Keller
bewundert, ohne ihn zu verstehen, kommt ihm durch modische Anbiederung
kaum auf die Spur; hingegen landet er unweigerlich auf Brettern,
die die Welt - Krieg hin oder her - nicht bedeuten.
Barbara Villiger Heilig
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