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NEUE MITTE - SÜDDEUTSCHE ZEITUNG - 19.09.2001

Reine Schmusewolle

Kabarette sich, wer kann: Volker Hesse eröffnet die Spielzeit am Berliner Maxim Gorki Theater mit zwei Uraufführungen

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Man durfte jetzt nichts falsch machen: Eben noch hatte um die Ecke am Brandenburger Tor eine riesige proamerikanische Solidaritätsveranstaltung stattgefunden. Der Bundeskanzler! Der Außenminister! Gregor Gysi sah man auf CNN, wie er einen Gospel mitsummte. Amazing Grace! Und ausgerechnet jetzt wollte die Künstlerin Penelope Wehrli als Teil ihrer lang vorbereiteten "Klangprojektionen" zum Amtsantritt von IntendantVolker Hesse am kleinen Maxim Gorki Theater arabische Schriftzeichen an die Fassade projizieren.

Undenkbar. Das wäre an diesem Freitagbend das falsche Signal gewesen. Der Kanzler hätte geglaubt, das Theater stelle sich in dieser schweren Stunde an die Seite der Terroristen. Wahrscheinlich wäre die gesamte Belegschaft sofort verhaftet worden. Der Widerstand aus dem Haus war so groß, dass sich der neue Intendant (Spitzname: "Der Kanzler") gezwungen sah, die Projektion zu untersagen und Frau Wehrlis Kunstwerk (das erheute "rein dekorativ" nennt) zu verstümmeln. Es handelte sich um den 6. Vers aus der "Rubaiyyat" des persischen Dichters Omar Khayaam, 12. Jahrhundert. Er sei hier in der Übersetzung von Omar Ali-Shah dokumentiert: "Ein herrlicher Morgen, weder heiß noch kalt noch feucht; / mit Rosenwangen, frisch gebadet im Tau; / und die Nachtigall verschreibt – auf Pahlewi – / all den bleicheren Wangen: ,Wein, Wein und Wein"!"

Autoritär proamerikanisch

Das sind aufrührerische Worte. Volker Hesse will nun Belegschaft und Öffentlichkeit mit einem "arabischen Abend" vorsichtig an den Gedanken heranführen, dass es andere Kulturen gibt, deren Kunst auch ein Terroranschlag nicht entwertet und deren Existenzrecht man als Theater verteidigen muss. Bis dahin hören wir als erste Nachricht aus diesem Haus unter neuer Leitung, dass der subalterne und autoritäre Geist der alten DDR dort fröhlich weiterlebt, säuberlich proamerikanisch gewendet.

Der Aufrechterhaltung des Betriebsfriedens mit den Mitteln der Selbstzensur folgte eine Inszenierung des Intendanten, die geradezu modellhaft zeigte, was Mutlosigkeit und Biederkeit auf der Bühne anrichten können. Theresia Walsers Stück "Die Heldin von Potsdam" war ein Auftragswerk. Die Autorin ist eine sehr feine, sehr hoch gespannte Sprachkünstlerin. Ihre Figuren kommen aus der Literatur und verschwinden wieder darin, in ihrem Wortgefängnis aber sehnen sie sich wild nach unsagbaren Ausschweifungen. Sie sind Kleinbürger, aus denen plötzlich die eigenen perversen Lüste herausplatzen, worauf sie fürchterlich erschrecken. Auf dem Nachttisch träumt Großmutters Häkeldeckchen von schaurig-schönen Exzessen: Der Literaturfonds tanzt.

Theresia Walsers Stück "So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr" hat Jan Bosse an den Münchner Kammerspielen sehr passend und wunderschön als abstrakte theatergrammatische Übung inszeniert. Die Figuren in der "Heldin von Potsdam" kommen aus demselben Wald, aber diesmal zwingt die Autorinnen ihnen Elemente einer realistischen Handlung auf, die einer Zeitungsmeldung entstammt und Theresia Walsers Natur als Literaturwesen ganz fremd ist. Die "Heldin" wird zum Medienstar, weil sie behauptet, von Skins aus der S-Bahn geworfen worden zu sein, als sie einer Türkin beispringen wollte; der Betrug fliegt später auf.

Zwei erstklassige Monologe spricht die Heldin, da ruht sie in der Sprache und in sich selbst. Diese Monologe dürften Katharina Thalbach dazu bewegt haben, die Hauptrolle zu übernehmen. Warum ihre Figur aber ein Vorleben hat, mit lyrisch überspannten Freundinnen und einer scheintoten Mutter, bleibt ein Rätsel. Über all das spielt sich die Thalbach warmherzig und rührselig hinweg. Schwer lastet der Fluch des Mutterwitzes auf dieser Volksschauspielerin, auch Craig Venter würde das Tragödien-Gen in ihrem Mark nicht finden.

Volker Hesses Inszenierung beschränkt sich auf die kraft- und hilflose Abbildung der inneren Widersprüche des Stücks. In Kazuko Watanabes Bühnenbild aus abstrakten bunten Tüchern wird auch eine Wohnküche aufgebaut. Bietet man Schauspielern aber einen Stuhl an, treten sie gleich in den Sitzstreik, fordern "realistische" Situationen, wollen schön langsam "richtige Menschen" spielen und alles niederfühlen. Man mag gar nicht hinsehen: Diese Art des Theatermachens basiert darauf, dass man die gemeinsame Angst vorm Text zusammengekuschelt überwindet. Die Klamotte ist eine sichere Burg. Hesses Inszenierung taucht geduckt unter dem oft auch kalten und bösartigen Stück hindurch: Nur ja nichts falsch machen!

New Econommödchen

Am Sonntagabend konnte man dann im Gorki-Studio bei einer zweiten Uraufführung konzentrierteres und intelligenteres politisches Theater erleben. Das Projekt "Neue Mitte" von Samuel Schwarz (Regie) und Raphael Urweider (Musik) hatte sich zum Ziel gesetzt, die am Boden liegende New Economy zu betrachten und noch einmal nachzutreten.

Der gründliche und überlange Abend beginnt als ulkige Lesung der Gottfried- Keller-Erzählung "Die drei gerechten Kammmacher" von 1855. Durch ein grob gepixeltes Barock-Bühnenbild hüpfen rot bemützte Schauspieler wie Figuren in einem Computerspiel, und lange denkt man sich, etwas so allerliebst Überflüssiges habe man in solcher Präzision noch nie gesehen. Bis die Autoren die drei Handwerksgesellen nach der Pause in die grausame Gegenwart katapultieren. Dort genügt die Selbstgenügsamkeit des gerechten Kammmachens nicht mehr, man muss sein Logo global vermarkten und sich selbst dazu. Man erkauft sich das coole selbstbestimmte Produzieren von virtuellem Kammwesen ohne Chef mit der brutalen Gruppendynamik gnadenloser Sektiererei und wird zum Lohn von Alpträumen über jene heimgesucht, die in der Dritten Welt die echten Kämme herstellen müssen, befallen "von Viren, die bei uns nur Labors verzieren".

Der Kamm ist ein tolles Produkt, denn er hat "Zähne, die nicht beißen, sondern pflegen". Bei Schwarz/Urweider beißt die Wirklichkeit zurück und schlägt den fröhlichen Kammmachern schaurige Wunden. Die beiden Theaterkünstler haben dem Tod zwar selbst noch nicht ins Auge gesehen, aber sie wissen immerhin, wo man in der Requisitenkammer einen Totenkopf findet und wann man ihn hochhalten muss, um Effekt zu machen. So wurde ihr New Econommödchen zum Tragödchen oder wenigstens zum Horror-Kabarett. Das ist mehr, als man vom "jungen Theater" erwarten durfte, das der Clubber-Szene ihre geilen Kicks neidete und gerne mitgrooven wollte.

Schwarz und Urweider gelingt ihr Coup durch kritisches Bewusstsein. Über Nacht ist die Generation Dotcom aus der Generation Dotcom heraus kritisierbar geworden, und deshalb müssen nun doch noch die Champagnerkorken knallen.

ROBIN DETJE


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