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Reine Schmusewolle
Kabarette sich, wer kann: Volker Hesse eröffnet die Spielzeit
am Berliner Maxim Gorki Theater mit zwei Uraufführungen
[>zum Abschnitt über Neue Mitte]
Man durfte jetzt nichts falsch machen: Eben noch hatte um die
Ecke am Brandenburger Tor eine riesige proamerikanische Solidaritätsveranstaltung
stattgefunden. Der Bundeskanzler! Der Außenminister! Gregor
Gysi sah man auf CNN, wie er einen Gospel mitsummte. Amazing Grace!
Und ausgerechnet jetzt wollte die Künstlerin Penelope Wehrli
als Teil ihrer lang vorbereiteten "Klangprojektionen"
zum Amtsantritt von IntendantVolker Hesse am kleinen Maxim Gorki
Theater arabische Schriftzeichen an die Fassade projizieren.
Undenkbar. Das wäre an diesem Freitagbend das falsche Signal
gewesen. Der Kanzler hätte geglaubt, das Theater stelle sich
in dieser schweren Stunde an die Seite der Terroristen. Wahrscheinlich
wäre die gesamte Belegschaft sofort verhaftet worden. Der
Widerstand aus dem Haus war so groß, dass sich der neue
Intendant (Spitzname: "Der Kanzler") gezwungen sah,
die Projektion zu untersagen und Frau Wehrlis Kunstwerk (das erheute
"rein dekorativ" nennt) zu verstümmeln. Es handelte
sich um den 6. Vers aus der "Rubaiyyat" des persischen
Dichters Omar Khayaam, 12. Jahrhundert. Er sei hier in der Übersetzung
von Omar Ali-Shah dokumentiert: "Ein herrlicher Morgen, weder
heiß noch kalt noch feucht; / mit Rosenwangen, frisch gebadet
im Tau; / und die Nachtigall verschreibt auf Pahlewi
/ all den bleicheren Wangen: ,Wein, Wein und Wein"!"
Autoritär proamerikanisch
Das sind aufrührerische Worte. Volker Hesse will nun Belegschaft
und Öffentlichkeit mit einem "arabischen Abend"
vorsichtig an den Gedanken heranführen, dass es andere Kulturen
gibt, deren Kunst auch ein Terroranschlag nicht entwertet und
deren Existenzrecht man als Theater verteidigen muss. Bis dahin
hören wir als erste Nachricht aus diesem Haus unter neuer
Leitung, dass der subalterne und autoritäre Geist der alten
DDR dort fröhlich weiterlebt, säuberlich proamerikanisch
gewendet.
Der Aufrechterhaltung des Betriebsfriedens mit den Mitteln der
Selbstzensur folgte eine Inszenierung des Intendanten, die geradezu
modellhaft zeigte, was Mutlosigkeit und Biederkeit auf der Bühne
anrichten können. Theresia Walsers Stück "Die Heldin
von Potsdam" war ein Auftragswerk. Die Autorin ist eine sehr
feine, sehr hoch gespannte Sprachkünstlerin. Ihre Figuren
kommen aus der Literatur und verschwinden wieder darin, in ihrem
Wortgefängnis aber sehnen sie sich wild nach unsagbaren Ausschweifungen.
Sie sind Kleinbürger, aus denen plötzlich die eigenen
perversen Lüste herausplatzen, worauf sie fürchterlich
erschrecken. Auf dem Nachttisch träumt Großmutters
Häkeldeckchen von schaurig-schönen Exzessen: Der Literaturfonds
tanzt.
Theresia Walsers Stück "So wild ist es in unseren Wäldern
schon lange nicht mehr" hat Jan Bosse an den Münchner
Kammerspielen sehr passend und wunderschön als abstrakte
theatergrammatische Übung inszeniert. Die Figuren in der
"Heldin von Potsdam" kommen aus demselben Wald, aber
diesmal zwingt die Autorinnen ihnen Elemente einer realistischen
Handlung auf, die einer Zeitungsmeldung entstammt und Theresia
Walsers Natur als Literaturwesen ganz fremd ist. Die "Heldin"
wird zum Medienstar, weil sie behauptet, von Skins aus der S-Bahn
geworfen worden zu sein, als sie einer Türkin beispringen
wollte; der Betrug fliegt später auf.
Zwei erstklassige Monologe spricht die Heldin, da ruht sie in
der Sprache und in sich selbst. Diese Monologe dürften Katharina
Thalbach dazu bewegt haben, die Hauptrolle zu übernehmen.
Warum ihre Figur aber ein Vorleben hat, mit lyrisch überspannten
Freundinnen und einer scheintoten Mutter, bleibt ein Rätsel.
Über all das spielt sich die Thalbach warmherzig und rührselig
hinweg. Schwer lastet der Fluch des Mutterwitzes auf dieser Volksschauspielerin,
auch Craig Venter würde das Tragödien-Gen in ihrem Mark
nicht finden.
Volker Hesses Inszenierung beschränkt sich auf die kraft-
und hilflose Abbildung der inneren Widersprüche des Stücks.
In Kazuko Watanabes Bühnenbild aus abstrakten bunten Tüchern
wird auch eine Wohnküche aufgebaut. Bietet man Schauspielern
aber einen Stuhl an, treten sie gleich in den Sitzstreik, fordern
"realistische" Situationen, wollen schön langsam
"richtige Menschen" spielen und alles niederfühlen.
Man mag gar nicht hinsehen: Diese Art des Theatermachens basiert
darauf, dass man die gemeinsame Angst vorm Text zusammengekuschelt
überwindet. Die Klamotte ist eine sichere Burg. Hesses Inszenierung
taucht geduckt unter dem oft auch kalten und bösartigen Stück
hindurch: Nur ja nichts falsch machen!
New Econommödchen
Am Sonntagabend konnte man dann im Gorki-Studio bei einer zweiten
Uraufführung konzentrierteres und intelligenteres politisches
Theater erleben. Das Projekt "Neue Mitte" von Samuel
Schwarz (Regie) und Raphael Urweider (Musik) hatte sich zum Ziel
gesetzt, die am Boden liegende New Economy zu betrachten und noch
einmal nachzutreten.
Der gründliche und überlange Abend beginnt als ulkige
Lesung der Gottfried- Keller-Erzählung "Die drei gerechten
Kammmacher" von 1855. Durch ein grob gepixeltes Barock-Bühnenbild
hüpfen rot bemützte Schauspieler wie Figuren in einem
Computerspiel, und lange denkt man sich, etwas so allerliebst
Überflüssiges habe man in solcher Präzision noch
nie gesehen. Bis die Autoren die drei Handwerksgesellen nach der
Pause in die grausame Gegenwart katapultieren. Dort genügt
die Selbstgenügsamkeit des gerechten Kammmachens nicht mehr,
man muss sein Logo global vermarkten und sich selbst dazu. Man
erkauft sich das coole selbstbestimmte Produzieren von virtuellem
Kammwesen ohne Chef mit der brutalen Gruppendynamik gnadenloser
Sektiererei und wird zum Lohn von Alpträumen über jene
heimgesucht, die in der Dritten Welt die echten Kämme herstellen
müssen, befallen "von Viren, die bei uns nur Labors
verzieren".
Der Kamm ist ein tolles Produkt, denn er hat "Zähne,
die nicht beißen, sondern pflegen". Bei Schwarz/Urweider
beißt die Wirklichkeit zurück und schlägt den
fröhlichen Kammmachern schaurige Wunden. Die beiden Theaterkünstler
haben dem Tod zwar selbst noch nicht ins Auge gesehen, aber sie
wissen immerhin, wo man in der Requisitenkammer einen Totenkopf
findet und wann man ihn hochhalten muss, um Effekt zu machen.
So wurde ihr New Econommödchen zum Tragödchen oder wenigstens
zum Horror-Kabarett. Das ist mehr, als man vom "jungen Theater"
erwarten durfte, das der Clubber-Szene ihre geilen Kicks neidete
und gerne mitgrooven wollte.
Schwarz und Urweider gelingt ihr Coup durch kritisches Bewusstsein.
Über Nacht ist die Generation Dotcom aus der Generation Dotcom
heraus kritisierbar geworden, und deshalb müssen nun doch
noch die Champagnerkorken knallen.
ROBIN DETJE
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