Irritierend
unaufgeregt
Gleich mit zwei Uraufführungen hat Volker Hesse seine Intendanz
am Maxim-Gorki-Theater in Berlin begonnen.
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Von Michaela Schlagenwerth
Es ist nicht so, dass es in der Berliner Presse keine Porträts
von und Interviews mit Volker Hesse gegeben hätte, bevor ab
11. September ganz anders geartete Nachrichten die Spalten der Feuilletonseiten
füllten. Aber auch wenn man einiges darüber erfahren konnte,
was der neue Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters will und
was er nicht will - das alles war von einer für Berliner Verhältnisse
irritierenden Unaufgeregtheit. Keine provozierenden Sprüche
in Richtung seines zum Deutschen Theater gewechselten Vorgängers
Bernd Wilms, dessen Volkstheater à la Harald Juhnke Hesse
nicht fortsetzen wird, keine markigen Prognosen über die Zukunft
des Hauses unter seiner Leitung, und vor allem: gar keine Selbstinszenierung.
Wackere Katharina Thalbach
Dem Ruf der Bedächtigkeit, der Hesse vorauseilte, ist der
neue Intendant mehr als gerecht geworden. Nach all der Medienhysterie,
die Claus Peymann vor der Eröffnung des Berliner Ensembles
und Thomas Ostermeier an der Schaubühne schürten und die
sich schliesslich auf brutale Weise gegen sie gewendet hat, scheint
mit dem vormaligen Direktor des Zürcher Neumarkt-Theaters ein
neuer Ton in die Stadt gekommen zu sein. Ernsthaft, neugierig, risikofreudig.
Über Leute, die aus Begeisterung ob ihrer eigenen tollen Eigenschaften
über sich selbst in Ohnmacht fallen könnten, wird lieber
auf der Bühne verhandelt. In "Neue Mitte" etwa, dem
umwerfend bösartigen und witzigen Kammerspiel, das der Lyriker
Raphael Urweider und der Regisseur Samuel Schwarz an der Studio-Bühne
des Gorki inszeniert haben, und ein wenig hätte es darum wohl
auch im Eröffnungsstück der von Volker Hesse selbst inszenierten
Uraufführung von Theresia Walsers neuem Stück, "Die
Heldin von Potsdam", gehen sollen. Walser greift die tatsächlich
vorgefallene Geschichte einer Frau auf, die nach einem Sturz aus
der U-Bahn behauptete, einer von Skinheads angegriffenen Türkin
geholfen zu haben, weswegen man sie aus der fahrenden Bahn geworfen
habe. Nicht krankenversichert, war das eine Flucht nach vorn, die
zunächst einen gewaltigen Medienrummel nach sich zog und dann,
als die Lüge herauskam, eine ebenso schreckliche Abstrafung.
Katharina Thalbach, das am Haus gebliebene Gorki-Theater-Zugpferd,
schlägt sich wacker in der Rolle der traumtänzerischen
Paula.
Heikle Themen schlägt Theresia Walser an - etwa die mediale
Ausschlachtung von rechten Übergriffen, die im Vorführen
von vermeintlichen Helden und wirklichen Opfern selbst schon wieder
in menschenverachtende und ausländerfeindliche Tendenzen hinüberkippt
-, aber leider hat sie nicht die richtige Tonlage dafür gefunden.
Und auch Volker Hesse ist kein rechter Zugriff geglückt. Wenn
drei radebrechende Ausländer als Opfer-Dumpfbacken auftreten,
kann man nur noch peinlich berührt wegschauen. Eigentlich sollte
ja das verlogen Doppelbödige ausgestellt werden, aber bei diesem
Balanceakt ist man mehr als einmal ausgerutscht. Walser und Hesse
haben mit dieser Eröffnung einiges gewagt, und dazu gehört
eben auch die Gefahr des Scheiterns. Lieber so, denkt man, als eine
öde Sicherheitsnummer.
Böse Schweizer
Mit der zweiten Eröffnungspremiere hat sich der Mut des Intendanten
dann auch ausgezahlt. Alle Texte seien vor dem 11. September entstanden,
sagen die zwei Schweizer Urweider und Schwarz noch einmal direkt
zum Publikum, bevor die Vorstellung von "Neue Mitte" beginnt.
Mit gutem Grund, denn das Stück verhandelt über Dinge,
über die im Moment niemand gerne redet. Über die Produktionsbedingungen
in den so genannten Dritte-Welt-Ländern etwa und über
eine so genannte Erste Welt, in der es Ideen von Gegenständen
gibt, aber keine Vorstellung darüber, dass deren Umsetzung
mit Wirklichkeit zu tun hat.
Gottfried Kellers Erzählung von den "Drei gerechten Kammmachern"
ist dem Stück als aberwitziger, aber leider etwas zu lang geratener
Prolog vorangestellt. Dann tritt die Neue-Markt-Generation selber
auf, philosophiert über Cybersex und darüber, wie der
Angestellte, ganz Kleists "Marionettentheater"-Aufsatz
verpflichtet, bis zum Denken des Arbeitgebers vorstossen müsste,
um wieder den Stand der Unschuld zu erlangen. Eine böse Farce
mit letalem Ausgang.
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