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NEUE MITTE - TAGESANZEIGER - 18.09.2001
Irritierend unaufgeregt

Gleich mit zwei Uraufführungen hat Volker Hesse seine Intendanz am Maxim-Gorki-Theater in Berlin begonnen.

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Von Michaela Schlagenwerth

Es ist nicht so, dass es in der Berliner Presse keine Porträts von und Interviews mit Volker Hesse gegeben hätte, bevor ab 11. September ganz anders geartete Nachrichten die Spalten der Feuilletonseiten füllten. Aber auch wenn man einiges darüber erfahren konnte, was der neue Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters will und was er nicht will - das alles war von einer für Berliner Verhältnisse irritierenden Unaufgeregtheit. Keine provozierenden Sprüche in Richtung seines zum Deutschen Theater gewechselten Vorgängers Bernd Wilms, dessen Volkstheater à la Harald Juhnke Hesse nicht fortsetzen wird, keine markigen Prognosen über die Zukunft des Hauses unter seiner Leitung, und vor allem: gar keine Selbstinszenierung.

Wackere Katharina Thalbach

Dem Ruf der Bedächtigkeit, der Hesse vorauseilte, ist der neue Intendant mehr als gerecht geworden. Nach all der Medienhysterie, die Claus Peymann vor der Eröffnung des Berliner Ensembles und Thomas Ostermeier an der Schaubühne schürten und die sich schliesslich auf brutale Weise gegen sie gewendet hat, scheint mit dem vormaligen Direktor des Zürcher Neumarkt-Theaters ein neuer Ton in die Stadt gekommen zu sein. Ernsthaft, neugierig, risikofreudig.

Über Leute, die aus Begeisterung ob ihrer eigenen tollen Eigenschaften über sich selbst in Ohnmacht fallen könnten, wird lieber auf der Bühne verhandelt. In "Neue Mitte" etwa, dem umwerfend bösartigen und witzigen Kammerspiel, das der Lyriker Raphael Urweider und der Regisseur Samuel Schwarz an der Studio-Bühne des Gorki inszeniert haben, und ein wenig hätte es darum wohl auch im Eröffnungsstück der von Volker Hesse selbst inszenierten Uraufführung von Theresia Walsers neuem Stück, "Die Heldin von Potsdam", gehen sollen. Walser greift die tatsächlich vorgefallene Geschichte einer Frau auf, die nach einem Sturz aus der U-Bahn behauptete, einer von Skinheads angegriffenen Türkin geholfen zu haben, weswegen man sie aus der fahrenden Bahn geworfen habe. Nicht krankenversichert, war das eine Flucht nach vorn, die zunächst einen gewaltigen Medienrummel nach sich zog und dann, als die Lüge herauskam, eine ebenso schreckliche Abstrafung. Katharina Thalbach, das am Haus gebliebene Gorki-Theater-Zugpferd, schlägt sich wacker in der Rolle der traumtänzerischen Paula.

Heikle Themen schlägt Theresia Walser an - etwa die mediale Ausschlachtung von rechten Übergriffen, die im Vorführen von vermeintlichen Helden und wirklichen Opfern selbst schon wieder in menschenverachtende und ausländerfeindliche Tendenzen hinüberkippt -, aber leider hat sie nicht die richtige Tonlage dafür gefunden. Und auch Volker Hesse ist kein rechter Zugriff geglückt. Wenn drei radebrechende Ausländer als Opfer-Dumpfbacken auftreten, kann man nur noch peinlich berührt wegschauen. Eigentlich sollte ja das verlogen Doppelbödige ausgestellt werden, aber bei diesem Balanceakt ist man mehr als einmal ausgerutscht. Walser und Hesse haben mit dieser Eröffnung einiges gewagt, und dazu gehört eben auch die Gefahr des Scheiterns. Lieber so, denkt man, als eine öde Sicherheitsnummer.

Böse Schweizer

Mit der zweiten Eröffnungspremiere hat sich der Mut des Intendanten dann auch ausgezahlt. Alle Texte seien vor dem 11. September entstanden, sagen die zwei Schweizer Urweider und Schwarz noch einmal direkt zum Publikum, bevor die Vorstellung von "Neue Mitte" beginnt. Mit gutem Grund, denn das Stück verhandelt über Dinge, über die im Moment niemand gerne redet. Über die Produktionsbedingungen in den so genannten Dritte-Welt-Ländern etwa und über eine so genannte Erste Welt, in der es Ideen von Gegenständen gibt, aber keine Vorstellung darüber, dass deren Umsetzung mit Wirklichkeit zu tun hat.

Gottfried Kellers Erzählung von den "Drei gerechten Kammmachern" ist dem Stück als aberwitziger, aber leider etwas zu lang geratener Prolog vorangestellt. Dann tritt die Neue-Markt-Generation selber auf, philosophiert über Cybersex und darüber, wie der Angestellte, ganz Kleists "Marionettentheater"-Aufsatz verpflichtet, bis zum Denken des Arbeitgebers vorstossen müsste, um wieder den Stand der Unschuld zu erlangen. Eine böse Farce mit letalem Ausgang.

 


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