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Die endlose Quasselmaschine
Ein postmodernes Verweispuzzle: die Theatergruppe 400asa mit «Zombies Herbst der Untoten»
Intellektuelle Welterklärungsstrategien ein Grusel: 400asa wagt sich ins Dickicht der Diskurse und schnürt ein hochkomplexes, streckenweise zu komplexes Theaterpaket.
Im September 2001 fliegen zwei Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center und sorgen für die «erste Grosskatastrophe des globalen Kapitalismus im neuen Jahrtausend» (Georg Seesslen). Kaum ist der Staub von den Trümmern verweht, treten die intellektuellen Grossdeuter auf den Plan und spinnen ihre reflexiven Fäden durch die Feuilletons. Der deutsche Autor Klaus Theweleit nimmt seinerseits die Ergüsse der Denker in seinem Buch «Der Knall» (2002) unter die Lupe und stellt fest, dass beim Angriff aufs WTC auch in den Köpfen der «Kommentatorenkaste» vermutlich ein paar Sicherungen geplatzt sind denn da wird mit Begrifflichkeiten wie «Virtualität» und «Realität», «Allegorisierung» und «Ikonographie» sorglos hantiert und eine nebulöse Wolke aus Worten und Diskursen aufgewirbelt, die laut Theweleit mehr verdeckt als erhellt.
Im Bunker eingeschlumpft
Die Theatergruppe 400asa unterfüttert ihr Stück «Zombies Herbst der Untoten» mit ebendiesen Zusammenhängen, nimmt sich dazu noch das narrative Gerüst aus dem Zombieklassiker «The Night of the Living Dead» von George A. Romero und die Comic-Geschichte vom Kampf der braven Blauschlümpfe gegen die bösen Schwarzschlümpfe und der Theaterabend kann losgehen. Er nimmt seinen Ausgang in einem Bunker. Darin sitzt eine Gruppe von Blauschlümpfen, die via Fernsehschirm die Geschehnisse draussen verfolgt und live miterlebt, wie kannibalische Schwarzschlümpfe die Zivilisation angreifen.
«Was war da? War da was?» fragen sich die Eingeschlossenen in ihren Schlumpfmasken. Und nicht lange dauert es, bis sie theatrale Abziehbilder von Elisabeth Bronfen, Georg Seesslen oder Jean Baudrillard die TV-Bilder zu deuten beginnen und Sätze herunterschnurren wie «Nichts ist so, wie es einmal war», während die übrigen im Chor nachbeten: «stimmt, stimmt, stimmt.»
400asa parodiert mit «Zombies» in der gewohnt wilden Theaterguerilla-Manier das theoretisierende Raunen, das mit dem Terror jeweils einsetzt, und zitiert zu diesem Zweck so sinnfreie Sätze wie «Das ist das absolute Ereignis, das alle Ereignisse in sich vereint.» Höhepunkt ist eine abstruse Talkshow, in der eine überkandidelte Moderatorin Allerweltsphrasen drischt: «Der Glaube an unsere Unverwundbarkeit wird erschüttert.» Es gibt allerdings einen, der den Diskutierschlümpfen ihr hohles Geschwafel vorhält: Er ist unverkennbar Klaus Theweleit nachgeformt und versucht sich als intellektuelles Korrektiv einzuschalten.
Der Zombie-Züchter
Doch 400asa spinnt den Faden noch weiter und geht über die reine Parodie der feuilletonistischen Quasselmaschine hinaus. Im Stück, geschrieben von Raphael Urweider und Samuel Schwarz, trifft die nörgelnde Theweleit-Figur ihrerseits auf einen Widersacher: den Wissenschaftler Schlotter, der unzimperlich in den Eingeweiden der Zombies kramt und verkündet, dass man diese Dinger wie einst Haustiere oder Apfelsorten zu gefügigen Wesen züchten solle. Dieser grausliche Verschnitt des Philosophen Peter Sloterdijk versetzt der Kulturkritik, verkörpert in der Theweleit-Figur, herbe Schläge.
400asa spielt virtuos auf der Klaviatur der Diskurse und schafft so ein postmodernes Verweispuzzle und ein hochkomplexes Bündel aus Texten und Subtexten, das dem Publikum zum Frass vorgeworfen wird. Es braucht allerdings viel Wissensbesteck, um dieses deftige Mahl zu zerteilen, viel Kontext, um die Anspielungen überhaupt zu verstehen und damit droht sich das Stück selbst im Gewirr von Terror, Angst und Paranoia zu verheddern.
Typisch für die überfordernde Ambition von «Zombies» ist auch der apokalyptische Schluss: Samuel Schwarz findet im finalen Monolog den Grund der Angstmache in den Verschwörungstheorien der Medien. Und schwupps da purzelt ihm bereits eine weitere Verschwörungstheorie aus dem Mund, die sich gar zur alttestamentarischen Schreckensvision aufplustert. Die Menschheit ist so klug als wie zuvor.
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