PRESSEARCHIV

ZOMBIES - HERBST DER UNTOTEN - KIELER NACHRICHTEN, 23.11.2003

Kritik in den Kieler Nachrichten von Klaus Witzeling
Blitze in der Finsternis einer verwirrten Gegenwart

Samuel Schwarz und Raphael Urweider vom Schweizer Theaterkollektiv 400asa knöpfen sich in ihrem neuen Stück "Zombies - Herbst der Untoten" die Panikmache und hilflose Phrasendrescherei in den Feuilletons und Medien über Terror, Angst und Krieg nach dem 11. September vor. "Diese Gewalt ist nicht real, sie ist symbolisch", dozierte der französische Frontphilosoph Jean Baudrillard. Bei der Uraufführung des Multimedia-Spektakels im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses verficht Schwarz keck die Gegenthese und entlarvt in der unwirklichen Gruselgroteske des Angriffs einer Rotte mörderischer Schwarzschlümpfe auf die Welt deren Realität. / Im Stockdunkel des Malersaal-Betonbunkers erleuchten zwei Taschenlampen die blauen Entsetzensgesichter eines Schlumpfpärchens. Sie befinden sich auf der Flucht vor den Untoten und verbarrikadieren sich mit anderen hinter Verschlägen und Holzpaletten (Raum: Chantal Wuhrmann/Andy Hohl). Was draußen passiert bricht als Nachrichten über Fernsehen ein. Die Spieler - wie auch Musiker Ted Gaier von der Hamburger Band Goldene Zitronen - springen von einem Sprach- und Spielstil in den anderen. Sie wechseln die Rollen, stellen sie aus in der Maske, zeigen dann unvermittelt und überraschend ihr wahres Gesicht.

Sie erzählen ganz ehrlich von der "verloreren Angst der Kindheit", um dann sinnentleerte Talk-Show-Rituale zu parodieren: "Nichts mehr wird so sein, wie es einmal war." / Schwarz und seine 1998 gegründete Gruppe 400asa revoltieren in ihren Manifesten gegen die öde Gekonntheit und den guten Geschmack des bürgerlichen Theaters. Sie verletzen in ihren "dilettantischen", doch sehr wohl präzise kalkulierten Produktionen dessen Gesetze, um eine "konstruktive Verwirrung im Kopf des Zuschauers" zu erzielen, seine Erwartungen an Kunst subversiv zu unterlaufen und ihn damit aus den Denk- und Erwartungsmustern zu locken. / In geglückten Momenten erhellt Schwarz{lsquo} Theater der Gegensätze mit seinem wirren Kommentar zur Zeit blitzartig die Finsternis einer verwirrenden und verwirrten Gegenwart.


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