PRESSEARCHIV

ZOMBIES - HERBST DER UNTOTEN - NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 24.12.2004
Der Terrorist als Wichtel und Wahn
"Zombies"-Show von 400 asa jetzt an der Gessnerallee

Terror, Angst, Krieg und mediale Panikmache, Phrasendrescherei - das Theaterkollektiv 400 asa bastelt sich daraus seine neuste Bühnen-Polemik. "Zombies - Herbst der Untoten", koproduziert mit dem Hamburger Schauspielhaus, ist auch in der verschlankten Zürcher Fassung eine Zumutung: konstruktive Verwirrung garantiert.

"Nichts für schwache Nerven!", warnen die Verantwortlichen des Kollektivs 400 asa, das seit seinem Affentheater an der Expo 02 dort angelangt ist, wo es hinwollte, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. "Für Reisemuffel!", möchte man anfügen. Denn um dieses Mal den Untergang des Abendlandes oder zumindest den Landesverrat auszurufen - und die persönliche Nervenstärke zu prüfen -, braucht man nicht in die Westschweiz zu fahren, sondern lediglich die Haustüre zu öffnen. An der Gessnerallee darf man sich über menschenfressende Schlümpfe echauffieren, blaue (gute) und schwarze (böse) Wichtel, zipfelkappige Terroristen-Schlümpfe, Militär-Schlümpfe und unschuldige Baby-Schlümpfe, die, womöglich, die Saat des Satans schon in sich tragen. Der Regisseur Samuel Schwarz, der Autor Raphael Urweider und ihre Genossen, die Deserteure des Guten, Schönen und Wahren, laden ein in ein philosophisches Gruselkabinett namens "Zombies - Herbst der Untoten", die Zürcher Fassung. Sie ist gut einen Drittel kürzer als jene, die im November am Hamburger Schauspielhaus zur Uraufführung kam. Ein Faktum, das von Vorteil ist.

Baudrijk, Slotrillard
Der Ausgangspunkt ist so real wie fiktiv und mag sich im Herbst zutragen: Eine dunkle Macht attackiert eine Gesellschaft. Die Restmenge der Zivilisierten hat sich in einem Keller zusammengerottet, die Polizei ruft die Bevölkerung via Medien zur Selbstjustiz auf; das Wasser steht den Letzten sozusagen schon bis zum Hals, und der Apokalyptiker Johannes quasi vor der Kellertür. Doch die Bedrohung wird von den Überlebenden ins persönliche Freund-Feind-Schema eingepasst oder aber zerredet, in Fernseh-Talks von Baudrillard-haften, Theweleit-artigen und Sloterdijk-ähnlichen Witzfiguren. Der Witz dabei: Alles, was ist, ist Schlumpf, wir befinden uns in einer Gesellschaft von Schlümpfen. Samuel Schwarz und Raphael Urweider kreuzen im Namen des Horrors - und seiner Verwertung durch die Medien - den Comic des Belgiers Peyo, "Blau-Schlümpfe und Schwarz-Schlümpfe", mit den Zombie-Filmen von George A. Romero.
Geht das gut? Natürlich nicht. Es wäre etwas schrecklich schief gelaufen, wenn das theorieprotzige, szenisch dilettierende Chaos-Theater von 400 asa nicht Unbehagen und Verstörung verursachte. Dies betrifft allerdings nur das Handwerk, die Mittel, die Schwarz mit Vorsatz so wählt, dass die Herstellung des Theaters, des Terrors, des Schreckens auch für Otto-Normalzuschauer zu kapieren ist. Die blau(schlumpfig) maskierten Schauspieler ziehen sich in der Rolle der Bösen schwarz(schlumpfig)e Strumpfmasken über; die Licht- und Toneffekte sind gemäss 400-asa-Manifest hausgemacht und werden von Hand und vor Ort hergestellt; und wenn im Programmheft von einer Bühnenbildnerin die Rede ist, der namhaften Künstlerin Chantal Wuhrmann immerhin, muss man sich fragen, wofür sie wohl ihr Honorar bezog. Alles, was zu sehen ist, erschöpft sich in einem grossen (Presse-)Konferenz-Tisch, einem Holzverschlag und einer Leinwand, auf der ein Wissenschafts-Schlumpf (ein ergötzlich salbungsvoll-selbstgefälliger Matthias Breitenbach) in den Eingeweiden eines Schwarz-Schlumpfes wühlt. Er wird in den Worten des Philosophen-Schlumpfs Baudrillard belegen: "Diese Gewalt ist nicht real, sie ist symbolisch." Anderer Meinung schlumpft "Siggi" alias Theweleit (ein hinreissend zerrissener Siegfried Terpoorten). Ihn treibt "das modische Gerede von der Virtualität" in den Wahnsinn. Dort ist seine Ohnmacht tatsächlich total.

Fernsehstute, Seifenschaum
Total ist auch hier wieder eine Akteurin zugange, die bereits in der letzten Zumutung von 400 asa, der Beltrametti-Saga (sie wird an der Gessnerallee wieder aufgenommen), brillierte, die Schauspielerin Barbara Maurer. Mit dem Mut zur Hässlichkeit und zur spastischen Körperlichkeit spielt sie die Fernsehstute Bronson, die in der philosophischen Talk-Runde die Männer um den Verstand und sich selbst um jede Würde bringt. Die Stärke dieser Medienparodie entschädigt für andere Leerläufe, Banalitäten und den gedanklichen Seifenschaum, den 400 asa gemäss Vereinbarung mit sich selber abliefert. Wenn im Namen des Apokalyptikers die Gut-Schlümpfe zu schlechter Letzt wieder das Beten entdecken, macht, im Idealfall, auch er sich wieder bemerkbar: der Glaube ans subversive Theater.
Zürich, Theaterhaus Gessnerallee, bis 9. Januar 2005. Wiederaufnahme von "B. - ein Stück über Sport und Behinderung", 29. und 30. Dezember, jeweils 20 Uhr, mit anschliessender Publikumsdiskussion.
Daniele Muscionico

 


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