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ZOMBIES - HERBST DER UNTOTEN - TAGESANZEIGER, 2.12.2003

Talkrunde mit Schlotti und Klaus
Die Schweizer Theatergruppe 400asa exhumiert in Hamburg einen Horrorklassiker: «Zombies - Herbst der Untoten».

Von Tobi Müller

Das sagt sich leicht daher: eine Leiche im Keller haben. Doch die bekannte Phrase hat schon Recht, wenn man sie so deutet, dass das Verdrängte nicht wirklich tot ist. Es riecht nur etwas komisch. Wie die Sekrete aussondernden «Bürzel», die kleinen Steissbeinfortsätze der Schlümpfe. Der Schwarzschlümpfe, der Killerschlümpfe, der verschlumpften Zombies, wie sieder Autor Raphael Urweider und der Regisseur Samuel Schwarz im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses erfinden.

Infantil ist dieser theatrale Schweizer Export deswegen nicht. Eher hoch komplex. Denn «Zombies - Herbst der Untoten», von Urweider/Schwarz während der Proben geschrieben, kreuzt im Namen des Horrors George A. Romeros Genreklassiker «Night of the Living Dead» (1968) mit dem Schwarzschlumpf-Comic von Peyo, erklärt den Einbruch der schwarzen Wichte zum 11. September und dreht die ganze Paranoia durch den medialen Fleischwolf im Intellektuellenpelz. Das ist viel, im Guten wie im Schlechten.

Dass Romeros lebende Tote ausgerechnet 1968 die Welt heimsuchten, wird gerne symptomatisch gesehen. Die gesellschaftliche Angst vor der Rebellion war eine Angst vor den zurückkehrenden Toten, vor der Vergangenheit und ihren Versäumnissen. Langhaarige, in der Schweiz sagte man auch Gammler, also Vergammelnde, Verwesende: Zombies und rebellierende Kinder hatten im Volksmund viel gemeinsam. Doch diese Kinder sind älter geworden, sie selbst sehen uns heute von Zombies umgeben - und darum gehts: dass die Toten, das Verdrängte, das Böse stets «unter» uns wandelt.

Rebellion gegen den Quotenschrott

Die klugen Kinder von einst heissen heute Peter Sloterdijk oder Klaus Theweleit und erklären als Theorie-Popstars die neue Welt. Im Falle Theweleits mit dem irrwitzigen Buch «Der Knall» erklären sie, wie die Erklärer irren. Polemischer, genauer wurde das zeitgeistige Philo-Feuilleton kaum je auseinander genommen. Er wird zwar nie direkt mit Theweleit angesprochen, doch niemand anders kann gemeint sein, wenn Siegfried Terpoorten in den von Chantal Wuhrmann und Andy Hohl als Luftschutzkeller ausgestatteten Bunker des Malersaals hinabsteigt. Draussen wüten die Schwarzschlümpfe, man sucht Unterschlu(m)pf. Jeder könnte gebissen, also angesteckt sein. Ein kurzes Schnuppern am Bürzel klärt jeweils auf. Wenns stinkt, wirds gefährlich.

Die kräftige Parodie der Paranoia und des Fremdenhasses ist in vollem Gang, Philipp Stengele als Hardliner im Element oder am Scheinwerfer halten - 400asa beharrt weiterhin auf dem Armes-Theater-Look. Zum Kern des Abends, der sich ganz dem überspannten Spiel hingibt, gehört die im Bunker sofort inszenierte Talkrunde zur Katastrophe. Eine Baudrillard-Kopie im Rollstuhl näselt etwas von Kunstwerk und Simulation, eine mit Schlotti betitelte Karikatur Peter Sloterdijks (Matthias Breitenbach) setzt später zur öffentlichen, publikumsträchtigen Sezierung von Schwarzschlümpfen an und Terpoorten/Theweleit läuft mit seiner Aggression gegen diesen pseudogscheiten Quotenschrott nur noch ins Leere.

«Schlotti, Schlotti» und «linke Socke» skandieren Studenten im Vollwichs. Ted Gaier von der Band Die Goldenen Zitronen baut live einen harten, punkig-technoiden Soundtrack. Nach der Pause ists manchmal wie im Musical. Schön wär mehr davon. Denn jetzt dreht der Text selbst paranoide Schlaufen, der Strang aus Zombies, Schlümpfen und 11. September zerfasert in tausend Obsessionen. Und zum Schluss hängt die 400asa-Crew ihre oft gezeigte Apokalypse-Lesung aus der Bibel dran. Die Toten sind jetzt wirklich tot. Man müsste sie wieder wecken. Im Mai kommen sie!


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