«Wir dürfen 8,9-mal mehr provozieren als Hirschhorn»
Der Regisseur Samuel Schwarz und die Gruppe 400asa denken über Zombies, Kulturpolitik, Sport und Behinderung nach. Ein Gespräch vor zwei Zürcher Gastspielen in der Gessnerallee.
Mit Samuel Schwarz sprach Tobi Müller
Die Zürcher Theatergruppe 400asa ist lichtempfindlich. Sie sucht das Dunkle und das Böse, das Archaische und das derb Witzige. In den Stoffen von der Kindermörderin Medea über ausländische Jugendliche an Schulen bis zum Ex-Skifahrer Silvano Beltrametti, dessen medial ausgeschlachtete Lähmung 400asa zum Anlass nahmen, den Leistungsgedanken ad absurdum zu führen. Dabei halten sie, wenn es geht, an der freien Produktionsform fest und verstehen sich als Kollektiv. Darüber streiten sie gerne, auch in Programmheften der grössten Theater wie des Hamburger Schauspielhauses, wo «Zombies - Herbst der Untoten» vor einem Jahr Premiere hatte. Das Beltrametti-Stück wird trotz Drohung von Anwälten in Zürich wieder aufgeführt, und «Zombies», ein Abend über die Angst vor dem Fremden und ihre Zerredung, zeigen 400asa in einer neuen «Zürcher Fassung». Zum Gespräch nach der Probe erscheint der Regisseur Samuel Schwarz in Schlumpfmütze und trägt einen Bürzel am Hintern.
In der Gessnerallee zeigen Sie eine «Zürcher Fassung» der «Zombies», die Sie gerade proben. Was hat sich verändert?
Es gibt eine Figur im Stück, die seit ihrer Kindheit Zombie-Filme sammelt. Die freut sich jetzt, dass die Katastrophe, die sie nur aus den Filmen kennt, endlich eintritt. Die Ängste ihrer Kindheit werden real, und sie kann sich dadurch selbst besser spüren. In Zürich wird diese Figur nun zum Chor, also zu einem Wir. Dann spiele ich neu auch selber mit. Ich gebe den linken Journalisten, der unendlich differenzieren will.
Hat das Jahr zwischen Hamburg und Zürich auch aktualisierende Veränderungen zur Folge?
Die Zürcher Fassung wird in einer freien Produktionsform erstellt und nicht an einem Stadttheater wie in Hamburg. Wir müssen stärker auf uns selbst hören und nicht auf die Abläufe des Inspizienten, der in den letzten paar Tagen vor der Premiere Veränderungen zu verhindern sucht. Die Dichte an Abmachungen steht im Stadttheater dem Prozess oft im Weg. Das ist jetzt in Zürich anders. Es gibt auch eine höchst aktuelle Parallele. Denn die Zombie-Filme sind verbotene Kunst, in Deutschland stehen sie auf dem Index. George Romeros Filme sind nur in verstümmelten Fassungen zugänglich, wurden zensuriert. Doch Romero macht apokalyptische Kunst, es geht um Verschwörungstheorien und um das Finstere schlechthin, nicht um Aufklärung und Diskussion wie bei Thomas Hirschhorn.
Wer sind die Zombie-Schlümpfe, die Schwarzschlümpfe, die so heissen wie Sie?
Zombies sind Projektionen, Ausgeburten von einem selbst und seinen Trieben. Das können antisemitische, antiislamische oder antiintellektuelle Feindbilder sein. Verbunden werden sie durch die Angst, die Zivilisation würde bedroht. Das war beim ersten Zombie-Film von Romero, «Night of the Living Dead» Anno 1968, stark so. Der Held des Films ist ein Schwarzer, der am Ende von der Anti-Zombie-Bürgerwehr erschossen wird. Zombies sowie ihre Bekämpfung richten sich gegen das Zivilisatorische, und damals entsprach dies der Angst vor dem gleichberechtigten schwarzen Mann. Vielleicht sind es ähnliche Energien, welche die Pro-Helvetia-Debatte bestimmen. Wenn ein ländlich geprägter Ständerat urbane Kunst abstraft, hat das auch etwas Antizivilisatorisches.
Der Ständerat als Zombie-Rat? Auch eine Projektion, eine Ausgeburt?
So ein Feindbild könnten wir selbst natürlich auch bauen, eines von bösen Zombie-Ständeräten, die sich gegen linke, urbane Kunst verschwören. In unserem Stück wird damit so umgegangen: Der linke Journalist, der die Vereinfachungen solcher Verschwörungen nicht akzeptiert, wird wiederum Opfer seiner eigenen Verschwörungsparanoia.
Ihre Gruppe 400asa hat schon öfter Würdenträger veräppelt, dabei werden Sie von der Stadt Zürich unterstützt. Müsste man - in der Logik des Schweizer Parlaments - dem Theaterkredit der Stadt Zürich Geld streichen und dem Stadtpräsidenten mit Entlassung drohen?
In der Logik des Geldes wäre das so: Weil wir von der Pro Helvetia 20 000 Franken erhalten haben, Thomas Hirschhorn aber 180 000 für seine Produktion, müssten wir etwas neunmal Schlimmeres auf der Bühne zeigen, um der Stiftung einen verhältnismässigen Schaden zuzufügen. Wir können uns demzufolge eine 8,9-mal gröbere Provokation leisten als Thomas Hirschhorn (lacht). Das führte dann zu einem kunstfeindlichen Wettbewerb der Provokationen. Aber der Skandal passt gut zu unserer Zombie-Thematik. Denn im Parlament hat diese Strafaktion als antizivilisatorischer Akt stattgefunden, vollzogen von Landeiern, aus denen meistens die schlimmsten Monster schlüpfen. Solche Bilder werden in unsere Zürcher Fassung Eingang finden.
Ihr Stück ist ein gutes altes Stück Medienkritik. Überhaupt scheint es so, als schwenke der Fokus von 400asa von den Stoffen hin zu ihrer medialen Vermittlung. Weshalb?
Das ist schwierig zu sagen. Klaus Theweleit kritisiert ja diese Quasselei, die nach dem 11. September sofort eingesetzt hat, heftig und geht mit diesen Instant-Deutungen von allen Seiten hart ins Gericht - in seinem Buch «Der Knall». Theweleit ist nun eine Bühnenfigur bei uns. Auf der Bühne fragt er sich, ob dieses Quasseln nicht die irrationale Gewalt unter Umständen sogar bedingt. Weil wir so viel reden über Dinge, über die wir keine Erfahrungen besitzen. Damals ging gleich diese Debatte über «Was ist Realität, was ist Film?» los. Theweleit meint, dass da nur etwas zum Ausdruck kam, was schon viel früher da war: nämlich das Gefühl über den Verlust der Werte, über den Verlust der Sicherheit, was real ist und was nicht.
|
|