Eine Expedition ins
Reich der Leichen.
von Samuel Schwarz, Raphael Urweider
Koproduktion von Schauspielhaus Hamburg und 400asa.
-> Plakat (PDF)
Zombies bevölkern die Welt. Eine Gruppe von Intellektuellen
und Wissenschaftlern - unter ihnen theatrale Abbilder von Klaus Theweleit,
Elisabeth Bronfen, Georg Seeßlen und Jean Baudrillard - rettet
sich in einen Bunker. Allein Fernsehbilder von der Katastrophe erreichen
sie. Die Reflektionen über den Verlust der Realität machen
es unmöglich, auf die tatsächliche Bedrohung angemessen
zu reagieren. Die Spannungen zwischen den Eingeschlossenen werden
unerträglich, die letzten Lebenden bringen sich um oder fressen
sich gegenseitig auf.
Samuel Schwarz und Raphael Urweider von der 1998 gegründeten
Theatergruppe 400asa haben für den Malersaal ein Tanz-Traumspiel
des Grauens geschrieben.
Zu der Musik von Ted Gaier (Goldene Zitronen) entsteht ein theatraler
Alptraum, ein Tanz-Trauerspiel des Grauens. In geistiger Verwandtschaft
mit Klaus Theweleit und dessen Buch "Der Knall" werden die
beiden jungen Schweizer beweisen: Die Zombies da unten sind real!
Premiere 21. November, Malersaal, Schauspielhaus Hamburg
Weitere Vorstellungen: 23/ 24/ 29/ 30 November um 20 Uhr
12.-16.Mai 2004 2003/2004 Aufführungen im Theater der Roten
Fabrik, Zürich.
Zu den bisherigen Regiearbeiten von Samuel Schwarz gehören
u.a. "Medeää.214 Bildbeschreibungen" und "Othello-
ein Blue Movie" von Lukas Bärfuss, die im Neuen Cinema in
Hamburg zu sehen waren. Zuletzt führte er 2002 bei Clavigo am
Schauspielhaus Bochum Regie. Raphael Urweider erhielt zuletzt 2002
den 3Sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs.
Mit: Thomas Kügel, Ben Daniel Jöhnk, Matthias Breitenbach,
Barbara Maurer, Siegfried Terpoorten, Ted Gaier, Philipp Stengele,
Regie: Samuel Schwarz, Bühne: Chantal Wuhrmann, Andy Hohl, Kostüme:
Esther Schmid, Choreographie : Meret Hottinger, Musik: Ted Gaier.

Was sind Zombies?
Lebende Tote. Bleiche, schwerfällige Menschenfresser. Sie
tragen die Kleidung, die sie zum Zeitpunkt ihres Todes trugen und
stolpern mit ausgestreckten Armen allem hinterher, was sich bewegt,
um es zu verspeisen. Einzig die Zerstörung des Gehirns durch
eine Kopfschuss oder einen harten Schlag und die anschliessende Verbrennung
des Körpers vernichtet sie endgültig. Ein Zombie allein
stellt keine grosse Gefahr dar. Gefährlich sind die lebenden
Toten aufgrund ihres massenhaften Auftretens. Da es im Jenseits keinen
Platz mehr gibt, kommt plötzlich jeder Mensch der stirbt als
Zombie wieder zurück. Die Zombies sind das Schreckbild einer
demokratischen Gemeinschaft, die einheitlich handelt, ohne Planung
und Leitung. Diese lebenden Toten sind nicht die Zombies des karibischen
Voodoo-Kultes.
Die Angst vor einer Wiederkehr der Toten lässt sich in vielen
Kulturen finden und reicht bis zurück zur Fesselung der Leichen
in der Steinzeit und der ersten schriftlichen Erwähnung von der
Gefährlichkeit der Toten im Gilgamesch-Epos um 2000 v. Chr. Geschichten
von Wiedergängern ziehen sich sowohl durch die Antike als auch
durch die nordische Mythologie, hatten einen Höhepunkt im Mittelalter
und führten bis ins 19. Jahrhundert, wo preussiche Bauern verdächtige
Leichen wieder auszugraben pflegten und ihnen den Kopf abschlugen.
Der lebende Tote wurde mit der Erfindung des Films und speziell mit
"Das Kabinett des Dr. Caligari" (1919) zu einem festen Bestandteils
der Horrorfilme und nistete sich erneuet in das kollektive Alptraum-Bewusstsein
ein.
Neben den Pionierwerken "White Zombie" (1932) und "I
walked with a Zombie" (1943) prägte George A. Romero mit
seiner Zombie-Film-Trilogie dieses Genre massgeblich. Romeros erster
Film "Night of the living Dead" - eigentlich für die
Macher damals nicht mehr als eine lustvolle Fingerübung - wurde
nach seiner Premiere 1969 rasch zum Kultfilm, ebenso die Nachfolgefilme
"Dawn of the Dead" (1978) und "Day of the Dead"
(1985). Nicht nur im Amerika reagierten die Kritiker zuerst entsetzt
über die expliziten Gewaltdarstellungen. In Deutschland standen
die Filme jahrelang auf der Liste verbotener Filme und waren nur in
vollkommen sinnentstellten Schnittfassungen oder als Raubkopien erhältlich.
Erst im Laufe der Jahre wurden auch die sozialkritischen Elemente
der Filme gewürdigt, denn das Interesse von Romero richtet sich
nicht nur auf die Zombies welche auf ihre Weise lediglich eine Art
Naturgewalt repräsentieren - sondern auch auf das Unvermögen
der Überlebenden, unsoziale Verhaltensweisen oder Ideologien
zugunsten einer gemeinsamen Lösung aufzugeben und zusammenzuarbeiten.
Später auf die Intention seiner Filme angesprochen, nennt Romero
das seiner Ansicht nach größte Problem der heutigen Gesellschaft:
Fehlende Kommunikationsbereitschaft. Der große Unterschied zwischen
Zombies und anderen Monstern besteht darin, dass Zombies Menschen
gewesen sind und als Untote den Lebenden einen Spiegel vorhalten,
der bei jenen die eigenen Unmenschlichkeiten hervortreten lassen.
Diese - vielleicht letzten - Überlebenden sind Eingeschlossene,
die durch das tägliche Töten von Untoten immer mehr verrohen
und einander zur "Sartreschen Hölle" werden. Viele
Szenen der Romero-Filme verweisen auf die Anonymisierung menschlicher
Beziehungen: Vertraute Familienstrukturen werden zerrissen, wenn ein
kleines, von einem Zombie gebissenes Mädchen in einer Szene seine
Mutter mit einer Hacke ersticht und den eigenen Vater auffrisst oder
die 'Heldin' ihrem untoten Bruder gegenübersteht, der mit einer
Horde von Zombies über sie herfällt. Der einzige Überlebende
in "Night of the living Dead" wird von einer Art militarisierter
Bürgerwehr als vermeintlicher Zombie erschossen und darauf mit
einem Haken im Schädel auf einen Scheiterhaufen geschleift und
verbrannt.
Der Regisseur Samuel Schwarz und der Autor Raphael Urweider - sowie
vier andere Mitglieder des Zürcher Theaterkollektivs 400asa -
entwickeln mit Ensemblemitgliedern aus dem Zombie-Mythos ein neues
Stück für den Malersaal.
Mit der Beschäftigung mit Untoten und Wiedergängern knüpfen
sie nicht nur die Fäden weiter, die Romero mit seinen Filmen
gesponnen hat. Die lebenden Toten haben eine längere Tradition.
Schon in vormodernen Gesellschaften war die Angst vor den Untoten
grösser als die vor dem Töten oder Sterben. Der Mensch -
beschrieben als seelenlose Maschine, als lebendes totes Fleisch ist
Urstoff menschlicher Alpträume. Ebenso die Umkehrung des Erlösungsgedankens:
Nach dem Exitus folgt Verfall und willenloser Dämmerzustand.
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